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Oper über Anna Nicole Smith : Der Bösewicht filmt alles mit

Doch gerade die Pointen leiden ein bisschen durch die schwache Übersetzung in die deutschen Übertitel. „I served my time“, Anna Nicoles Argument, warum sie nach der Ehe mit Howard Marshall ihr Erbe verdient habe, lässt sich eben nicht mit „Ich opferte meine Zeit“ übersetzen, und der Witz geht auch noch flöten. Besser hört man direkt auf die Texte, wenn etwa die große Mahnerin der Oper, Anna Nicoles Mutter Virgie (Margarete Joswig), mit verkniffenem Gesicht und gepresster Stimme über die Zungenküsse ihrer Tochter mit dem alten Mann klagt: „Five generations of tongues!“

Jede Menge Kunstbrüste gehören zu den hervorragenden Kostümen der Aufführung.

Es gibt viele solcher Momente im ersten Akt. Da wirkt alles noch leicht und lustig, auch wenn es bereits völlig desolat ist: Anna Nicole arbeitet in ihrem Kuhkaff in einer Hühnerbraterei, wird schwanger vom Koch und heiratet ihn, verlässt ihn aber, weil er sie verprügelt. Um ihren Sohn und sich selbst durchzubringen, fängt sie als Tänzerin in einem Stripclub an, wo ihr geraten wird, sich die Brüste operieren zu lassen, weil die Männer sich nicht genug für ihren Körper interessieren. Dass es davon sogar noch abwärts gehen kann, in „ein dunkles, nihilistisches Märchen“, wie die Oper verspricht, ahnt man, als der Arzt ihr mit den großen Brüsten direkt Schmerztabletten verpasst und ankündigt, die würde sie wegen ihres Rückens nun eben bis an ihr Lebensende nehmen müssen. So kommt es dann auch – nur dass zu den verschriebenen Tabletten noch etliche andere kommen, an denen sie letztlich stirbt, genau wie ihr Idol Marilyn Monroe, auch noch in ihren Dreißigern.

Wer für ihren finalen Niedergang verantwortlich ist, daran lassen Librettist und Regisseur keinen Zweifel: Howard K. Stern, ihr Anwalt und späterer Lebensgefährte, ist ein windiger Typ, schön schmierig gespielt von Christopher Bolduc. Der Chor beschimpft ihn von Anfang an, und je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr möchte man es ihm gleichtun: Stern missbraucht Anna Nicole Smith für Marketingzwecke und verkauft die schlimmsten Videoaufnahmen von ihr, als veranstalte er eine Kuriositätenschau auf dem Jahrmarkt: hochschwanger und zugedröhnt als Clown geschminkt, von Schmerzen gepeinigt während des Kaiserschnitts. Sogar als drei Tage später ihr zwanzig Jahre alter Sohn aus erster Ehe bei ihr im Krankenzimmer an einer Überdosis stirbt, macht er ein Foto von der Trauernden. Grauenvollere Dinge passieren in „Tosca“ auch nicht.

Doch Anna Nicole hat mehr Ähnlichkeit mit einer aufrichtigen Manon Lescaut: Wenn Howard Marshall (Uwe Eikötter) ein ausführliches Rezitativ über seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen in Öl- und Insolvenzrecht abfeuert und dann bekennt, ihrer Babystimme mit Südstaatenakzent verfallen zu sein, schmiegt sie sich an seinen Rollstuhl und singsangt: „Will you buy me a ranch?“ Wer so zum Geld strebt, kann sich keine Umwege leisten. Und wer dabei zusieht und zuhört, bleibt leicht erschüttert zurück – aber zugleich bestens unterhalten.

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