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Oper „The Snow Queen“ in München : Barbara im Traumaland

  • -Aktualisiert am

Im Zauberspiegelland: Barbara Hannigan als Gerda versucht Thomas Gräßle als Kay (vorn liegend) zu heilen. Bild: Wilfried Hösl

Die englischsprachige Erstaufführung von Hans Abrahamsens Oper „The Snow Queen“ in München lässt die Herzen der Zuschauer kalt. Dem Stück fehlt es an einem tieferen Motiv und gesellschaftlicher Relevanz.

          3 Min.

          Das Geheimnis von Eiswelten ist ihre Unnahbarkeit. Nicht umsonst stehen Eis und Kälte als Metapher für Menschen, die sich von ihren Mitmenschen abgewandt haben, keinen Kontakt mehr halten und unerreichbar wirken. Um solchen Rückzug hinter einen Panzer aus Eis geht es in der Oper „The Snow Queen“ (Die Schneekönigin) des 1952 geborenen dänischen Komponisten Hans Abrahamsen. Die Oper, Abrahamsens erste, wurde im Oktober 2019 in Kopenhagen uraufgeführt. In dänischer Sprache. Nun gab es sie in der Bayerischen Staatsoper in München, inszeniert von Andreas Kriegenburg, als Erstaufführung der Fassung in englischer Sprache. Die Rolle der Protagonistin, Gerda, sang und singt auch in den kommenden Vorstellungen Barbara Hannigan. Hannigans Begeisterung für die Musik Abrahams verdankt die Oper nicht zuletzt ihre Entstehung.

          Das Libretto, verfasst vom Komponisten und dem dänischen Dramaturgen und Autor Henrik Engelbrecht, basiert auf dem Märchen „Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen. Ob bewusst oder unbewusst: Mitte des 19. Jahrhunderts, noch deutlich vor der Zeit der Psychoanalyse, hatte sich Andersen in diesem von ihm erdachten Kunstmärchen mit Phänomenen beschäftigt, die immer mehr Menschen in unserer Zeit zu schaffen machen: Depression, Burnout, Belastungsstörungen.

          Sein Held, ein Junge namens Kay, zieht sich vor den Augen seiner Spielfreundin Gerda in sich selbst zurück. Er wird für sie unerreichbar, er verschwindet. Im Märchen holt ihn die Schneekönigin zu sich in ihren Palast aus Eis. Gerda macht sich auf den Weg, um Kay zu finden und zurückzuholen in ihre einstige gemeinsame Welt. Es gelingt ihr, Kay zu finden, und es gelingt ihr auch, ihn zu heilen. Die Tränen, die sie aus Freude über das Wiedersehen vergießt, spülen die Splitter eines Zauberspiegels heraus, die sein Herz vereist und sein Auge für das Schöne blind gemacht hatten. Als „Erwachsene“ kehren beide in die Welt zurück.

          Die Suche nach Kay

          Interessant ist, dass Kay im Eispalast auf Geheiß der Schneekönigin verzweifelt daran arbeitet, das „perfekte Wort“ zu finden. Sobald ihm das gelänge, sei er frei. Die Freiheit, so stellt sich heraus, gewinnt er nicht durch eine perfekte Konstruktion, sondern durch Empathie, durch Zuwendung zu den Menschen, durch das Zulassen und Eingestehen von Gefühlen. Ein hochmodernes, brisantes Thema. Was machen seelische Störungen, unter denen allein in Deutschland Millionen leiden, mit den Menschen? Mit den Betroffenen wie mit deren Angehörigen? Und auch: Wie findet ein „vereister“ Mann vom Typ Homo faber wieder zu sich, zu seiner Gefühlswelt?

          Das war in München, überhaupt in Abrahamsens Oper, wohl nicht der Gegenstand. Es geht um Wahnwelten, vielleicht die von Kay. Die Inszenierung von Andreas Kriegenburg zeigt als erstes Bild den etwas verwitterten Eingangsbereich zu einem Krankenhaus, zu einem psychiatrischen, wie sich herausstellt. Schnell tut sich im Bühnenbild von Harald B. Thor das Portal auf. In gleißendem Weiß liegen dort in gestreiften Schlafanzügen Patienten auf Gitterbetten, darunter der von Gerda heftig angerufene, völlig verschlossene Kay. Bis zum letzten Bild des Stückes wird er keinen Laut mehr tun. Die Schneekönigin – von Abrahamsen einem Bass zugedacht, und von Peter Rose in jeder Hinsicht voluminös gespielt und gesungen – tritt auf und nimmt Kay ins Schlepptau. Damit geht für Gerda die Reise los – durch Gegenden mit bizarren Phantasiegestalten wie einer Wald- und einer Schlosskrähe und einem Rentier (wieder Peter Rose), das natürlich sprechen kann.

          Kriegenburg gibt seinen Zuschauern viel zum Grübeln auf; die Figuren werden manchmal von drei Darstellern gleichzeitig gespielt. Wer ist was und warum? Was bedeutet die Szene für den Verlauf der Handlung? Was ist die Handlung? „Barbara (Hannigan) im Traumaland“ könnte sie heißen. Als sei sie völlig ohne Willen, wird sie von einer Begegnung zur nächsten geschubst. „I must find Kay“ lautet ihr Leitmotiv. Vor allem scheint sie es zu sagen und zu singen, weil es so im Textbuch steht – tiefere Motive teilen sich in den Zuschauerraum hinein nicht mit.

          Musikalisch gefühllos

          Aus dem Orchestergraben kommt, unter der Leitung von Cornelius Meister, eine Art Soundtrack zu dem phantasmagorischen Geschehen auf der Bühne. Abrahamsens Klangfindungen, die auf höchst komplexen Strukturen und Operationen basieren, wurden nach der Uraufführung für ihre suggestive Kraft gerühmt, die aus Stille und Ruhe sowie dem weit gespannten Spannungsbogen entstehe. Das ist schon richtig, nur ist diese Suggestion sehr eindimensional und deutet vor allem auf ein inneres Grummeln und Raunen hin, wie es wohl im Kopf des stummen Kay abläuft.

          Auf ähnlicher Ebene läuft der Gesang ab. Wie autistisches Aufsagen wirkt der, monologisch, jeder berichtet Silbe für Silbe deklamierend von seinen Dingen. Wie man Gefühle, Konflikte, wie man das Drama eines Individuums in die Macht der zeitgenössischen Musik umsetzt, das haben Bernd Alois Zimmermann in „Die Soldaten“ oder, ebenfalls zum Thema innere Vereisung, Helmut Lachenmann in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erleben lassen. Der „Schneekönigin“ und ihrer Münchner Aufführung hingegen fehlt es nicht nur an Wucht, sondern auch an Magie. Und man scheint sich keine Mühe gemacht zu haben, ihr eine über die Dauer der Aufführung hinausgehende Relevanz mitgeben zu wollen.

          Es ist ja sehr erfreulich, dass Gerda ihren Kay wiedergefunden und in die Welt zurückgebracht hat. Kriegenburg lässt aus diesem Anlass die Helden, die Patienten der Anstalt und das Pflegepersonal ausgelassen tanzen. Auf der Bühne ist Sommer, das Eis ist geschmolzen. Doch der Zuschauer sieht da nur zu, und das Herz bleibt – kalt.

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