https://www.faz.net/-gqz-8ezph

Oper : Schau mir bloß nicht in die Augen, Kleines

  • -Aktualisiert am
Isolde (Eva-Maria Westbroek) droht Tristan (Stuart Skelton)

In Baden-Baden regieren zu Ostern die Berliner Philharmoniker. Kein Opernorchester, aber wagnererfahren. Jeder einzelne in diesem Ensemble ist ein Kammermusiker und Solist von Gnaden, was die „Tristan“-Musik mit einer eigentümlich luxuriösen Leichtigkeit auflädt. Das tönt herrlich transparent, filigran und lebhaft, ja, wie vergoldet, dazu reizt Sir Simon vom ersten Ton an riskant alle Extreme der Dynamik aus. Und je heller, schneller das aus dem Graben leuchtet und webt, um so dunkler, rätselhafter wirkt das Gedünst und Gewölk auf der Bühne.

Der polnische Regisseur Treliński hat seinem Helden, Kapitän Tristan, ein Kriegsschiff geschenkt. Im Querschnitt sieht man oben die Brücke, unten die Offiziersmesse mit der Bar, in der Mitte die Kabine der beiden Frauen, die als Gefangene unter ständiger Videobeobachtung stehen. Übermalt wird dieses modernistische Elend freilich nostalgisch durch schwarzweiße Filmeinblendungen von Wassermassen, Wolkenzügen, Nordlichtern, Mövenschwärmen sowie allerhand nicht weiter entzifferbare Erinnerungen aus Tristans Kindheit. Wie sich im zweiten und dritten Aufzug herausstellt, reist nicht nur ganz Cornwall mit seinen Wäldern und Jägern mit auf diesem Mythenschiff, sondern auch die halbe Bretagne mit Burg Kareol. Boshaft und brutal geht es zu, wichtigstes Requisit ist die Taschenlampe, neben Kalaschnikov und Pistole.

Dass sich trotz viel Mut zum Klischee und obgleich die wandernden Dämmerbilder zuweilen, etwa, wenn die Nacht der Liebe herniedersinkt, die Kitschgrenze entschieden überschreiten, eine poetische Atmosphäre aufbauen kann, ja, sogar atemlose Spannung entsteht, das liegt an der meisterhaften, direkt aus der musikalischen Gebärde heraus entwickelten Personenführung Trelińskis, der jede von Wagner komponierte Wendung, jede Bedeutungsschicht herauspräpariert. Und seineSänger, die das umsetzen, so lebendig, treffsicher, intensiv, realistisch: Sie sind alle eine Wucht, fast ausnahmslos!

Behutsame Annäherung: Tristan und die schlafende Isolde

Eva-Maria Westbroek ist eine statuarische, gleißende, charismatische Isolde, strahlend in der Höhe. Stuart Skelton, der als Tristan debütiert, bringt eine jungenhaft lyrische Farbe mit, aber auch die nötige metallische Härte. Sarah Conolly ist eine anrührende Brangäne, Michael Nagy ein sonor bärbeißiger Kurwenal, der aber auch nahtlos ins die weiche Kopfstimme übergehen kann, wenn er seinen totwunden Freund beklagt. Nur Stephen Milling, als König Marke, macht seine Sache ordentlich, und nicht mehr als das.

Tristan und Isolde stehen, wie Euridice und Orfeo, in ihren intimsten Augenblicken, wenn die Stimmen jubelnd verschmelzen, am weitesten voneinander entfernt. Rühr‘ mich nicht an! Das hat Tradition auf den Opernbühnen, ist aber nicht nur banal dem Umstand geschuldet, dass es stets sehr viel länger dauert, von Kuss oder Blick zu singen, als Küsse oder Blicke zu tauschen. Musik braucht Zeit. In das Verlöschen der letzten Töne des Liebestodes hinein plärrt im Saal in Baden-Baden mal wieder ein Handy, mit Klingelton „Kleine Nachtmusik“. Blöd und lächerlich tönt das, aber auch irgendwie beruhigend: Willkommen zurück im Diesseits.

In Berlin greifen Barenboim und Flimm ein, sie ändern den Schluss. Wo die Konvention Gluck ein Happyend abverlangte und die doppelt verlorene Euridice dann doch von den Göttern wiederbelebt wird, ist und bleibt sie nun tot. So hängt an dem finalen Jubelchor „Trionfi Amore“ als Supplement der aus der Pariser Fassung von 1774 ausgeliehene „Reigen der seligen Geister“ dran, mit seinen elegischen Synkopen, Harfenpling und Flötenschmelz. Im Nu entrückt sind Chor, Amor, Nymphen, Hirten, Bräute, Dur und Glück. Orfeo steht wieder, wie ganz am Anfang, allein an Euridicens Grab, mit seinem leeren Geigenkasten, aus dem die Asche der Musik rieselt. War alles nur eine Idee gewesen, nur ein kurzer Augenblick.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Rechenzentrum

Digitales Deutschland : Kein Techno-Nationalismus

Macht sich Deutschland gerade zu sehr abhängig von ausländischen Internetunternehmen? Die Sorge in der Wirtschaft wächst – sie sollte nicht leichtfertig abgetan werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.