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Oper : Raumschiff Liebestod

  • -Aktualisiert am

Suggestiv: Die deutsche Erstaufführung von Kaija Saariahos Oper „L'amour de loin“ in Darmstadt ist ein Anlaß, das Loblied auf die „Provinz“ zu singen.

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          Der Psychoanalyse zufolge sucht jeder Mann nach einer Frau, die zugleich die allernächste und, aus zeitlichen wie gesellschaftlichen Gründen, unerreichbare ist: die Mutter. Der Zwang durchzieht die Mythen, Wagners unwissend-ahnungsvolle Helden Siegfried und Parsifal werden von ihm getrieben, und als mystisch-übersinnliche Marienverehrung bestimmt er besonders die katholische Kultur.

          Als Ableitung von ihm läßt sich der ritterliche Minnekult verstehen: Eine "hohe Frau" wird mit verzehrender Intensität fokussiert, verehrt und besungen, doch zur erotisch-parareligiösen Hingabe gehört nicht nur die Entrücktheit der Angebeteten, sondern sogar deren Anonymität. Ein Moment fiktionaler Selbstberauschung und Mystifikation war da sicher mit im Spiel.

          Noch in Beethovens "Brief an die unsterbliche Geliebte" schwingt der Topos nach. Und Kommunikation gerade durch Entfernung prägt manche Briefbeziehungen - am prägnantesten die zwischen Tschaikowsky und seiner ihm sonst unbekannten Gönnerin Nadeschda von Meck. Wie existentiell solche Bindungen sein können, belegte unlängst der Film "About Schmidt" mit Jack Nicholson, dessen einziger Lebensbezug schließlich der briefliche mit einem afrikanischen Jungen ist.

          Wechselerfahrungen

          Insofern ist das Sujet der ersten Oper der finnischen, in Paris lebenden Komponistin Kaija Saariaho nicht unbedingt so entlegen, wie es den Anschein hat. Für "L'amour de loin", 2000 in Salzburg uraufgeführt, hat der libanesische, ebenfalls in Paris ansässige Schriftsteller Amin Maalouf das Libretto geschrieben, in das okzidental-orientale Wechselerfahrungen eingegangen sind.

          Aber Multikulturalismus ist nicht das Zentralthema, sondern: l'amour fou, eine wahnwitzig-wahnhafte Liebeserhitzung, deren selbstzerstörerische Energie aus irrealer Ferne des Objekts resultiert: Der aquitanische Ritter und Troubadour Jaufré Rudel aus Blaye im Bordelais, des süßen Lebens überdrüssig, läßt sich von einem geheimnisvollen Pilger einen erotisch-mystischen Floh ins Ohr setzen: In Tripoli lebe die Inkarnation der Hohen Frau, deren Schönheit, Reinheit und Edelmut alle sinnlichen wie christlichen Ideale erfülle. Worauf der edle Ritter, in wahrer Teleliebe entflammt, die schöne Clémence (!) minnesängerisch anschmachtet, der Pilger, interkontinentaler "Go between", die Verse und Weisen der Fürstin zu Tripoli vorträgt, die Erwartungsspannung auf beiden Seiten immer brennender wird.

          Schließlich macht sich Jaufré auf den Weg, Zweifel befallen ihn, ob er nicht mit seinem Realisierungswunsch "wahre" Liebe verrate, krank erreicht er sein Ziel, stirbt in den Armen der Wirklichkeit Gewordenen, die mit Gott hadert, dann ins Kloster geht. Ein Liebestod, in "Tristan"-Nähe, doch ohne vernichtende Ekstase, ohne romantische (Heine) Ironie.

          Legendenton

          Der Text, mit dem verglichen "Parsifal" und "Pelléas" geradezu "dramatisch" sind, setzt auf Legendenton, nimmt alles Narrative reflektierend nach innen, schafft so Hohlräume für Musik, die Kaija Saariaho suggestiv zu füllen weiß: mit fluoreszierenden Seelen-Zustandsbeschreibungen, Multicolor-Klang-Migrationen zwischen tonal und atonal, instrumental und elektronisch, im Zwischenreich dunkel-gleißender Sonoritäten.

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