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Oper : Raumschiff Liebestod

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Von Messiaen, dessen Franziskus-Oper sie animierte, ist ihre Tonsprache ebenso beeinflußt wie von der "Spektralklang"-Ästhetik am Pariser Ircam, die sich auch in den eher zart glitzernden Elektronik-Duftwolken niederschlägt. Natürlich ist Kaija Saariaho zu reflektiert, um sich massiver mittelalterlicher oder auch orientalischer Anklänge zu bedienen; auch da zieht sie feinere Als-ob-Schwebungen vor. Tönt ihre Musik kräftiger, gar eruptiver, dann verdankt sie dies eher flamboyant aufschrillenden Bläsergesten, auch Minimaschinen-Assoziationen à la John Adams.

Harmonisch hört man, in deutlicher Abkehr vom platt Tonalen wie von spätserieller Zersplitterung, modale Modelle, wie sie nicht zuletzt Messiaen, auch via Skrjabin, entwickelt hat: dunkel liegende Akkord-Komplexe, über denen sich schillernde Lineaturen und Obertongespinste entfalten; zumal ihr Vokalstil, stark arios geprägt, ausgesprochen melismenreich ist.

Im Verein mit dem mittelalterlich-esoterischen Sujet, dem eher monologisierenden Legendentonfall ergibt sich ein dramaturgisch-musikalisches Amalgam von beträchtlicher Suggestivität. Aber nicht nur nähert sich der Text, vor allem gegen Schluß, fast parareligiösem Kitsch, auch die Musik mit ihrem hohen Anteil seraphischer Höhen-Oszillationen nähert sich wabernd-glitzernden New-Age-Gefilden: So schön, so rein, so edel entrückt wie die über alle Maßen vollkommene Clémence-Halluzination, tendiert sie bisweilen zum Ave Maria in Permanenz.

Bezirzende Sinnstiftung

Der unbestreitbare Erfolg, der "L'amour de loin" in Salzburg, Bern und nun bei der deutschen Erstaufführung in Darmstadt zuteil wurde, kommt nicht von ungefähr, entspricht ein wenig zu sehr dem Bedürfnis nach bezirzender Sinnstiftung: ein neues Himmelsreich der Edelmenschen, ästhetisch hilfreich und schlechterdings gut.

Zu diesem Eindruck überirdischer Schönheit trug freilich die Darmstädter Produktion überzeugend bei. Das Staatstheater-Orchester unter Stefan Blunier wurde dem vielfarbig funkelnden Facettenreichtum der schwierigen Partitur entschieden eloquent gerecht, Männer- und Frauenchor exzellierten nicht minder. Und der Bariton Hans Christoph Begemann (Jaufré), die Sopranistin Mary Anne Krüger (Clémence) und der Mezzo Katrin Gerstenberger (Pilger) sangen außerordentlich beredt und stimmschön, zudem in mehr als nur akzeptablem Französisch.

Daß das Premierenpublikum so angetan war, lag auch an Philippe Arlauds Inszenierung, die effektvoll mit Videozauber aller Art aufwartete: Wolkengeschiebe, Wilson-Würfeln, erotischen Traumgesichtern, galoppierendem Pferd, mittelalterlichem Gekreuzigten, Wunder-Rochen, Krabbelmonstern, allen möglichen virtuellen Halluzinationen wie der ins Überdimensionale wachsenden Clémence-Vision, den winzig entschwebenden Liebenden im Raum.

Die Bilderflut, gewiß hochvirtuos in Bann schlagend, ist durch dekorative Beliebigkeit gefährdet, virtuelle Draperie, mit der sich alles und jedes überziehen läßt. Trotzdem ein vielfach attraktiver Abend. Nimmt man die Mainzer Aufführung von Peter Ruzickas "Celan"-Oper dazu, kommt man nicht umhin, wieder das Loblied auf die so mutige wie kreative "Provinz" zu singen.

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