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Oper : Nicht über Gott reden, sondern mit ihm sprechen

  • -Aktualisiert am

Das Volk weicht zurück vor der Schlange (Daniela Rothschild) Bild: dpa/dpaweb

Kosmos und banale Realität: Peter Konwitschny und Ingo Metzmacher bringen in Hamburg Schönbergs „Moses und Aron“ heraus. Eine bezwingende Inszenierung mit drei überragenden Protagonisten.

          4 Min.

          Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ wurde 1954 in Hamburg unter Hans Rosbau konzertant uraufgeführt. Erst zwei Jahrzehnte später, zum Schönberg-Jahr 1974, folgte die erste szenische Aufführung des damals bereits von zahlreichen kleineren Bühnen gespielten Werks. Nun schließt sich der Kreis mit der Neuinszenierung von Peter Konwitschny.

          Es ist die zehnte Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem nach dieser Saison aus Hamburg scheidenden Dirigenten Ingo Metzmacher und einer der Höhepunkte der einst visierten Hamburgischen Dramaturgie. Schönbergs opus summum ist ein Zwitterwerk, geprägt von Widersprüchen in Form und Inhalt wie in der Werkgestalt selber: teils Ideendrama, teils Espressivo-Oper, überdies ein Fragment, wenn auch gleich, wie Pierre Boulez mit einem prägnanten Paradox feststellte, ein „vollendetes Fragment“ über die Idee des unvorstellbaren Gottes und über das menschliche Unvermögen, das Grenzenlose in ein Bild zu fassen.

          Wie sich der Vorhang, ein tiefblauer Sternenhimmel als kosmische Chiffre, öffnet, steht Moses fern und schemenhaft in der Einsamkeit, in psalmodierender Klage den Einzigen, Ewigen, Allgegenwärtigen, Unsichtbaren und Unvorstellbaren anrufend. Um ihn herum die pantomimisch verkörperten Schafe, zugleich die sechs Stimmen, die, jeweils einem Instrument zugeordnet, Gottes Stimme zum Erklingen bringen. Vokal- und Instrumentalstimmen verschmelzen im szenischen Bild zu einem mystischen Klanggebilde; dem Inbegriff dessen, was war, ist und sein wird - des Göttlichen, dessen Stimme Moses „aus jedem Ding“ vernimmt. Frode Olsen, mächtig von Statur, gewaltig von Stimme, gelingt es, die widersprüchliche Einheit des Schönbergschen Sprech-Gesangs herzustellen und bei seinen Anrufen nicht über Gott zu sprechen, sondern mit ihm zu reden.

          Die Reinheit des Denkens

          Aus dem Kosmos in die banale Realität. Nach dem filigran ziselierten kontrapunktischen Grazioso zwischen der ersten und der zweiten Szene trifft Moses den Bruder in der Küche. Aron ist ein bebrillter Intellektueller, klug, dialektisch versiert und voller Zweifel darüber, ob ein Volk lieben kann, was es sich nicht vorstellen darf. Reiner Goldberg formt jede Phrase und Silbe dieses ariosen Rezitativs mit liedhafter Kantabilität. Das Volk hat sich in einer Kantine versammelt. Es vermag die Botschaft Gottes, die ihm von Moses und Aron verkündet wird, nicht zu fassen. Die Ekstatiker werden belächelt, so wie Moses verlacht wird, wenn er „die Reinheit des Denkens“ einklagt. Konwitschny transformiert das theologische Problem des „Gottesdenkers“ Moses zur zeitgemäßen Frage, wie sich wohl eine Welt ohne Transzendenz zur Idee des einen Gottes verhalte.

          Sie vertraut nicht Ideen, sondern dem schönen Schein, mit dem es von Aron betört wird. Seine Wunder sind das Blendwerk eines Magiers. Die Schlange ist ein gertenschlankes, kahlköpfiges Weib in einem glitzernden String-Body, das sich durch die Menge windet und lasziv auf den Knien des Moses räkelt. Wenn Aron sein drittes Wunder vollbringt und Wasser in Blut verwandelt, schneidet er sich mit einem Messer in den Oberkörper, bevor er das Versprechen abgibt, das auserwählte Volk in das Land zu führen, in dem Milch und Honig fließen. Eine Szene von beklemmender Spannung, welche die Wirkungsmacht von Massenhypnose zeigt.

          Glorios gesungene Partie

          Moses in der Einsamkeit: Frode Olsen

          Reiner Goldberg, der die Partie 1975 in Dresden verkörpert und 1976 in der bisher eindringlichsten Aufnahme unter Herbert Kegel gesungen hat, singt die Partie noch immer glorios: mit dem von Schönberg verlangten schönen Ton, guten Verbindungen und glatten Übergängen, gerade in Momenten höchster Anspannung (die Partie reich bis zum b und h) die expressiven Widerstände überwindend, bisweilen mit raffiniertem Parlando. Dabei gelingt es ihm, in der Verführungsszene die Doppeldeutigkeit des demagogischen Textes im Schillern des Tonfalls spürbar werden zu lassen.

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