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Oper: „Medea“ in Wien : Eine antike Brünnhilde

  • -Aktualisiert am

Marlis Petersen singt die Medea mit glockenklarer Energie Bild: AFP

Aribert Reimann zeigt in seiner neuen Oper „Medea“ die Tragödie der Selbstbefreiung einer mutigen Frau - ein Triumph des zeitgenössischen Musiktheaters, ausgerechnet an der Wiener Staatsoper.

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          Ausländerin, gedemütigt, ausgegrenzt, läuft Amok. Wohl dutzendfach ist diese boulevardzeitungsreife Geschichte schon erzählt worden, ohne oder mit Musik und mit den unterschiedlichsten Auflösungen, von Cherubini bis Christa Wolf. Warum also noch einmal wieder das alte, böse Lied der Zauberin aus Kolchis herauskramen, die sich zur racheschäumenden Furie wandelt und die eigenen Kinder erschlägt? Für Aribert Reimann hat sich diese Frage nie so gestellt. Der Stoff hat ihn erwählt, nicht er sich den Stoff.

          Reimanns bislang acht Literaturopern, wie verschieden auch immer, sind alle imprägniert von einem hohen Pathos, das aus der Parteinahme für die Unterprivilegierten herrührt: für diejenigen, die in der Gesellschaft den Kürzeren ziehen, ohne Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse. Als ihn vor gut zwei Jahren der Auftrag der Wiener Staatsoper ereilte, er möge zum Abschluss der Ära Holender eine abendfüllende Oper komponieren (was ja an sich schon Sensation genug war angesichts der sprichwörtlichen Resistenz dieses prosperierenden Hauses allem Zeitgenössischen gegenüber), da hatte Reimann zuerst etwas ganz anderes im Sinn – eine Story nach Camus. Er traf dann aber überraschend auf die „Medea“ von Franz Grillparzer. Oder vielmehr, umgekehrt: Grillparzers klare, kühne „Medea“ griff sich den Komponisten.

          Melodie des Furchtbaren

          Eine Belcanto-Linie tauchte auf über Nacht, fast so schmiegsam wie eine Schlagermelodie. Gebaut aus den fünf M-e-d-e-a-Tonbuchstaben, die zufällig in der Tonalität wurzeln: eine Sekunde abwärts (aus dem „M“ wird „mi“ = e), dann ein Quartsprung aufwärts – eine Melodie, wie dazu geboren, gesungen zu werden. Reimann hat sie aber nicht an die Singstimme, sondern zunächst den tiefen Holzbläsern überantwortet; so fängt die Oper an: still, idyllisch, grundiert von Tempelglockenklängen. „Gutes muss geschehen“, sagt Frau Medea und versteckt ihre Zauberdinge, entschlossen, sich unterzuordnen und Griechin zu werden, um des lieben Friedens willen. Dabei wissen alle, dass das Böse nicht aufzuhalten ist.

          Auf der Suche nach einem anderen Ausweg für die Tragödie: die Kindsmörderin Medea
          Auf der Suche nach einem anderen Ausweg für die Tragödie: die Kindsmörderin Medea : Bild: AFP

          Grillparzer hatte als Erster verstanden, dass die antike Tragödie nicht mit der Katastrophe endet. Im dritten Teil seiner Trilogie „Vom goldenen Vlies“ geht Medea als Siegerin vom Platz. Sie verspricht, das gestohlene Vlies zurückzubringen nach Delphi, den Riss in der Welt zu kitten, sich dem Urteil der Götter zu stellen: eine antike Brünnhilde. Und selbstbewusst wendet sie im Augenblick des Untergehens, als sie keinen Liebsten mehr hat, keine Kinder, weder Vergangenheit noch Zukunft, das Blatt. Sie ruft dem König Kreon nach: „Dank Euch, Dank! Ihr gabt mir auch mich selbst. / Medea bin ich wieder!“ An dieser Stelle singt sie bei Reimann endlich selbst die Medea-Melodie – ein Motiv, das die sonst von Reimann virtuos eingesetzte Mikrotonalität von vornherein ausschließt, aber die Oper durchwuchert von Anfang bis Ende wie ein mäandernder Wurm: „Das Furchtbare, geboren aus der melodischen Linie“, heißt es dazu in Reimanns Produktionstagebuch.

          Glitzernde Koloraturen

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