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Oper in Lyon : Die Straflager liegen vor unseren Städten

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„Wenn ich sterbe, möchte ich etwas hinterlassen“ – Monolog eines namenlosen Verurteilten vor der Vollstreckung der Todesstrafe Bild: Reuters

Die Oper in Lyon zeigt „Aus einem Totenhaus“ von Leoš Janáček in der drastischen Regie von Krzysztof Warlikowski, großartig dirigiert von Alejo Pérez.

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          Ein Hof im düsteren Licht des Morgengrauens. Im Hintergrund spielt ein Mann Basketball. Während der Introduktion erscheint per Video-Projektion der Kopf des Soziologen Michel Foucault. Man sieht ihn sprechen, aber was er sagt, ist nur zu lesen: Es geht um Isolation, die Justiz als Dienerin der Polizei, Missbrauch von Macht. Halbsätze über das zentrale Thema von Leoš Janáčeks letzter Oper „Aus einem Totenhaus“. Seit einigen Jahren hat Janáčeks letzte Oper, für die der mährische Komponist auf Fjodor Dostojewskijs Erinnerungen an seine Leiderfahrungen in einem sibirischen Straflager zurückgriff, an Aktualität gewonnen. Allein in den letzten zwei Jahren wurde das Drama von Frank Castorf (München), David Hermann (Frankfurt) und nun von dem polnischen Regiestar Krzysztof Warlikowski auf die Bühne gebracht: als Koproduktion der Londoner Covent Garden Opera, des Brüsseler La Monnaie und in Lyon – mit einem weitgehend gleichen Sänger-Ensemble unter drei Dirigenten.

          Der Klageschrei aus der Gedankenwelt von Michel Foucaults „Überwachen und Strafe“, mit dem der vielbeschäftigte polnische Regisseur die streng symmetrisch angeordnete Oper einleitet, ist plausibel, aber kontraproduktiv. Denn die Leiden der Gefangenen, die dazu führen, dass sie sich noch mehr Leid antun, werden in der Oper quälender erfahrbar als in den Theoremen Foucaults, ganz abgesehen davon, dass sie von dem sparsam instrumentierten Vorspiel ablenken; so wie zu Beginn des zweiten Aktes Passagen aus dem Monolog eines farbigen Häftlings, der in Erwartung seiner Hinrichtung auf der death row von seiner Todesangst spricht, die zarte Figuration der Geigen und Klarinetten zur Hintergrundmusik werden lassen.

          Der Ort der Hölle ist nicht Sibirien, sondern ein Gefängnis wie aus einem heutigen Knastfilm, der in amerikanischen oder französischen Banlieues spielt (faszinierendes Bühnenbild: Małgorzata Szczęsniak). Wie wild es zugehen wird in den knapp einhundert Minuten, wird vor der ersten Szene durch die Körpermusik farbiger Breakdancer angekündigt, die ihren Testosteron-Pegel abarbeiten müssen. Wie aus Gewalt neue Gewalt entsteht, wie sexuelle Frustrationen sich steigern, wird sodann mit jenem Hyperrealismus zelebriert, mit dem verkannt wird, dass jedes szenische Spektakel das einer Irrealität ist. Aus dem szenischen Aktionismus ergibt sich das Problem, dass der Regisseur für die zentralen Ereignisse der einzelnen Akte keine schlüssigen Lösungen findet, für die Erzählungen von drei Gefangenen über die Umstände, die sie in das Lager gebracht haben: den Bericht des Skuratow darüber, wie er seine Verlobte umgebracht hat; den des Luka (Filka) darüber, was ihn dazu brachte, einen sadistischen Offizier zu erstechen; oder den des Schischkow darüber, dass er seiner untreuen Frau die Kehle durchgeschnitten hat. Dass er am Ende seiner grässlichen Geschichte in dem sterbenden Luka jenen Filka erkennt, dessentwegen er seine Frau tötete, wird zu einem eher fahlen Mosaiksteinchen des Geschehens.

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