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Oper : Kirsten Harms: Die Rückzieherin

Einsame Entscheidung: Kirsten Harms Bild: AP

Die Deutsche Oper steht im Rampenlicht einer internationalen Debatte über die Freiheit der Kunst. Ihre Intendantin Kirsten Harms hat einen einsamen Entschluß gefaßt, ohne dessen Folgen genau zu bedenken.

          Sie hat die Sache unterschätzt. Das konnte man, mehr noch als an ihren Worten, an dem zwischen Trotz und Hilflosigkeit schwankenden Gesichtsausdruck sehen, mit dem sie am Dienstag vor der internationalen Presse ihre Entscheidung verteidigte, Hans Neuenfels' Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ vom Spielplan ihres Hauses zu streichen. Kirsten Harms, die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, hat einen einsamen Entschluß gefaßt, ohne dessen Folgen genau zu bedenken.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Absetzung der Inszenierung sollte erst in letzter Minute, gleichsam nebenbei, bekanntgegeben, der Skandal, der in der vorauseilenden Selbstzensur einer Kulturinstitution liegt, unter dem Deckel gehalten werden - aber einen Deckel, der so groß wäre, daß die aufgekündigte Freiheit der Kunst und der Konflikt mit den fanatischen Auswüchsen des Islam gleichzeitig darunter paßten, gibt es zur Zeit in Deutschland nicht.

          Einst strahlende Hoffnungsträgerin

          Seit Mai 2004 leitet die fünfzigjährige Kirsten Harms das traditionsreiche, in jüngster Zeit von Krisen geschüttelte Opernhaus an der Berliner Bismarckstraße. Als sie in die Hauptstadt kam, war sie eine strahlende Hoffnungsträgerin, ausgewiesen durch zahlreiche, von Kritikern wie Publikum anerkannte Regiearbeiten und eine erfolgreiche achtjährige Opernintendanz in Kiel. Doch schon nach einem Jahr Amtszeit an der Deutschen Oper wurde Kritik an ihrer Führung des Hauses laut.

          Die Regisseure, die Kirsten Harms in die Bismarckstraße holte - darunter Volker Schlöndorff -, enttäuschten mit ihren Inszenierungen, und auch bei der Wahl des Chefdirigenten hatte die Intendantin keine ganz glückliche Hand. Nachdem Christian Thielemann das Haus im Streit um die finanzielle Ausstattung seines Orchesters verlassen hatte, dauerte es ein ganzes Jahr, bis ein Nachfolger in Gestalt des Italieners Renato Palumbo gefunden war. Auch große Namen wie Muti, Rattle und Barenboim waren für den Posten im Gespräch gewesen, konnten sich aber anscheinend nicht für das unter Sparzwängen leidende Opernhaus begeistern.

          Puristisches Selbstverständnis

          Daß Kirsten Harms ihre Entscheidung, den „Idomeneo“ abzusetzen, an der Öffentlichkeit und den Sicherheitsbehörden vorbei getroffen hat, offenbart ihr puristisches Selbstverständnis als Intendantin. Sie will ihr Haus von außerkünstlerischen, zumal politischen Einflüssen freihalten; der Schutz ihrer Mitarbeiter, erklärte sie auf der Pressekonferenz am Dienstag, stehe für sie an erster Stelle. Daß die Absetzung einer für islamistische Fehlinterpretationen anfälligen Inszenierung selbst ein politischer Akt ist, hat die Leiterin der Deutschen Oper offenbar nicht bedacht.

          Seit Anfang der Woche weiß sie, daß auch die Sicherheit der Mitarbeiter auf diese Weise nicht zu gewährleisten ist. Die Deutsche Oper, weit davon entfernt, ein Hort des Friedens zu sein, steht nun im Rampenlicht einer internationalen Debatte über die Freiheit der Kunst. Daß dieses Rampenlicht auch jene anzieht, deren Geschäft in der Verdunkelung jeglicher Kultur besteht, ist bekannt.

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