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Oper: Kalitzkes „Die Besessenen“ : Das Leben ist eine Endlosschleife

  • -Aktualisiert am

Die Welt als psychotischer Supermarkt: Kalitzke zeigt die Kehrseite der Warenästhetik Bild: Wilfried Hösl

Supermarkt der Illusionen: Johannes Kalitzkes packende Oper „Die Besessenen“ inszeniert den Spuk und den Aberglauben als Kehrseite der kapitalistischen Warenwelt. Sie bildet den vielversprechenden Auftakt zur neuen Uraufführungsserie im Theater an der Wien.

          4 Min.

          Die Welt als Supermarkt: Das mag manchem als ein allzu planes Bild wohlfeiler Kapitalismuskritik erscheinen – und verfehlt in diesem Fall doch auf der Opernbühne seine Wirkung nicht. Denn was Johannes Kalitzke in seiner neuesten Oper „Die Besessenen“ aus dem 1939 entstandenen gleichnamigen Roman von Witold Gombrowicz an differenzierter Gesellschaftskritik herausgelesen hat, das nimmt der szenischen Metapher ihre Plattheit. Der ungewöhnlich dichten, formenreichen und prägnanten Komposition ist es zu verdanken, dass die Kulisse, die Steffen Aarfing für Kaspar Holtens Inszenierung am Theater an der Wien geschaffen hat, als Abbild einer im Innersten entfremdeten, pervertierten und sich letztlich selbst zerstörenden Sozialität funktioniert.

          In dieser Welt der egomanischen Reduziertheit und der zähnebleckenden Geheimheit regieren Kunstlicht, sterile Sauberheit, eine junge Blondine an der Kasse und Regale voll anheimelnder Surrogate erfüllter Beziehungen: prall gefüllte Picknickkörbe für den harmonischen Familienausflug, edle Weine für das Tête-á-tête mit dem Liebsten. Noch bevor der erste Ton erklingt, flanieren die Kunden durch den Laden, wippt der verklemmte Filialleiter wichtigtuerisch auf seinen Zehen, lässt die Blondine die Kasse klingeln und irrt ein heruntergekommenener greiser Adliger durch die ihm fremde Welt labyrinthischer Verkaufsgänge. Erst nach ein paar Minuten realisiert man, dass sich die Abläufe wiederholen. Das Leben ist eine Endlosschleife: genauso öde und so hermetisch wie dieser Bühnenraum, zu dem es kein wirkliches Außen zu geben scheint.

          Besessene Glückssuche

          Die Figuren der Romanhandlung sind in Christoph Klimkes stark gerafftem Libretto eindeutiger gezeichnet als in der Vorlage. Doch die Musik schenkt ihnen alles an Zwischentönen zurück, was die szenische Einrichtung des Textes opfern muss. Alle jagen sie in rücksichtsloser Besessenheit ihrem vermeintlichen Glück hinterher – oder dem, was sie für einen Ausweg aus den mechanisierten Abläufen eines nur auf Wettbewerb und Mehrwert ausgerichteten Lebens halten. Die Ladeninhaberin Ocholowska hat nichts im Sinn, als aus der Jugend ihrer an der Kasse sitzenden Tochter Maja (Hendrickje van Kerckhove) so viel Geld wie möglich zu schlagen. Dafür soll diese zunächst den Filialleiter Cholawicki (Leigh Melrose) heiraten, der es selber auf die Gemäldesammlung des alten Fürsten abgesehen hat. Als das scheitert, verhökert die Mutter die Tochter kurzerhand an einen reichen Lustgreis, der jedoch, von wem auch immer, bald erdrosselt wird.

          Randexistenzen in der erkalteten Surrogatwelt des Kapitalismus
          Randexistenzen in der erkalteten Surrogatwelt des Kapitalismus : Bild: Wilfried Hösl

          Maja erscheint als eine auf ihr eigenes Klischee reduzierte Schwester der Lulu: eine pure Projektionsfläche, wandelndes Reklamebild des Lebens, nach dem alle gieren und von dem doch niemand weiß, worin es besteht. Sie wirft sich ihrem Tennislehrer Leszczuk (Benjamin Hulett) an den Hals, der als geheimnisvoller Fremder mit schwarzem Motorradhelm die Szene betritt. Beide liefern sich – weit über den kalten, berührungslosen Wettbewerb leidenschaftlicher Tennismatche hinaus – eine Serie von Schlagabtauschen, die sie für Erotik halten. Doch letztlich können auch sie von nichts anderem träumen als vom Besitz der fürstlichen Gemäldesammlung. Anders als der erbschleicherisch auf den Tod des Alten wartende, feige Cholawicki aber suchen sie das Abenteuer und wollen die Kunstschätze rauben.

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