https://www.faz.net/-gqz-a4s7a

„New Dark Age“ in London : Gewagte Mischungen in der Oper

  • -Aktualisiert am

Geknebelt unter bedrohlichen Visionen: Szene aus der Londoner Produktion „New Dark Age“ Bild: Tristram Kenton

Endlich wieder live in der Covent-Garden-Oper: Zwei Abende bündeln Altes und Neues unter dem Titel „New Dark Age“. Der Operndirektor sieht eine aufregende Chance in der neuen Situation.

          4 Min.

          „Im Jahr 2020 ist es plötzlich schwerer geworden, Oper zu machen“. Synchron mit den ersten Noten der ersten von zwei Vorstellungen vor leibhaftigem Publikum, seitdem das Haus Mitte März den Betrieb einstellen musste, wurde das Understatement an der Londoner Covent-Garden-Oper unter raunendem Gelächter aus dem zu rund vierzig Prozent der Kapazität gefüllten Saal als Übertitel auf die Leinwand projiziert. Der Bedarf für Musikdrama sei jedoch größer denn je, fuhr die Erläuterung des Versuchs fort, an den vergangenen Wochenenden Werke aufzuführen, die verkörperten, „wer wir sind und wo wir uns jetzt befinden“. Den Äußerungen von Oliver Mears, des seit 2017 amtierenden Operndirektors, ließe sich allerdings entnehmen, dass die zwei gewagten Mischprogramme, die er an aufeinanderfolgenden Samstagen zusammengestellt hat, eher dafür stehen, wer und wo das Haus sein wolle, wenn es sich von der Last der Tradition befreien könne und sich nicht, nach den Worten ihres Geschäftsführers Alex Beard „in der größten Krise unserer Geschichte“ befände.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Notlage hat das königliche Opernhaus sogar veranlasst, durch den umstrittenen Verkauf eines Porträts, das David Hockney Anfang der siebziger Jahre von David Webster, einem von Beards Vorgängern gemalt hat, Löcher zu stopfen. Bei der Versteigerung in der vergangenen Woche blieb der Erlös des seinerzeit durch Spenden der Mitarbeiter finanzierten Auftragswerkes mit 12,8 Millionen Pfund einschließlich des Aufgeldes allerdings hinter den erhofften achtzehn Millionen Pfund zurück. Ein Grund mehr, weshalb es mühsamer sein wird, die Maschinerie wieder vollständig in Gang zu bringen.

          Eine aufregende Chance

          Während ein kleiner Saal wie die Wigmore Hall sich mit vorbildlichem Elan durchbeißt, erschwert der Aufwand großen Institutionen, wie Covent Garden oder der Royal Albert Hall, die ohnedies unter den jetzigen Beschränkungen nicht mögliche Rückkehr ins Normalleben. In Britannien ist das Musikleben derart drastisch eingeschränkt worden, dass mehr als ein Drittel der Musiker, von denen viele als Freischaffende keine Pandemie-Unterstützung bekommen haben, erwägen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Umso heftiger die Empörung über eine jüngst verbreitete und schnell wieder zurückgezogene Anzeige der Regierung, die nahelegte, dass junge Baletttänzerinnen – und dem Sinne nach alle darstellenden Künstler – ihre Träume aufgeben und auf Informationstechnik umschulen sollten. Von den zwei Comeback-Spektakeln und einigen Ballett-Potpourris abgesehen, wird sich Covent Garden vorerst mit konzertanten Opern und bezahlten Streams alter Aufführungen behelfen müssen.

          Die mit der Oper verbundene Kombination aus „Exzess und die Dekadenz“ denn auch als unzeitgemäß bezeichnend, sieht Mears die „Destillation auf die Essenz dessen, was Oper ist“ als aufregende Chance. Gewiss wären die ausgewählten Werke in normalen Zeiten allenfalls auf der kleineren Studiobühne im Keller zur Aufführung gelangt. Außerdem bot die Beschränkung auf britische oder in Britannien lebende Darsteller Nachwuchstalenten des hausintenen Jette-Parker-Förderprogrammes die Gelegenheit, unter der Regie namhafter Regisseur wie Deborah Warner und Katie Mitchell mit Sängern wie Christine Rice und Allan Clayton im Rampenlicht zu stehen. Eine Gelegenheit freilich auch, ein neues Publikum zu erschließen. Das Durchschnittsalter lag vor allem am zweiten Abend mit neuen Werken deutlich unter dem des üblichen Auditoriums.

          Weitere Themen

          Hund, Katze, Henker

          Tier und Mensch in Rothenburg : Hund, Katze, Henker

          Von wegen „Tier in dir“: Der Umgang mit unseren animalischen Begleitern wie auch Ernährern hat sich in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals radikal gewandelt.

          Topmeldungen

          Angeschlagener DFB-Präsident: Am Ende des „Falls Löws“ könnte der Sturz von Fritz Keller (links) stehen.

          Machtkampf im kriselnden DFB : Unter Geiern

          Der Fall „Löw“ ist ein exemplarisches Beispiel für das systemische Versagen des DFB. Zu Hochform laufen einige Funktionäre im Führungszirkel nur noch auf, wenn es um Machterhaltung und Fallenstellen geht.
          Eine riesige Euro-Münze überragt die Menschen in der Innenstadt von Frankfurt am Main als die ersten Euro-Starterkits mit einem Sortiment von Euro-Münzen ausgegeben werden.

          Einführung des Euro 2002 : Schon wieder neues Geld

          Auf ihre D-Mark waren die Deutschen so stolz wie auf ihre Nationalmannschaft. Entsprechend emotional einschneidend war für viele die Einführung des Euros am 1. Januar 2002. Teil 16 unserer Serie „Deutschland seit 1945“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.