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Oper „Manru“ in Halle : Als würde Winnetou Wagner singen

  • -Aktualisiert am

Einst ein Symbol einer Nation ohne Ort: Ensemble und Chor der Oper Halle in „Manru“ Bild: Federico Pedrotti

Ignacy Jan Paderewski war 1918 Polens erster Premierminister, vor allem aber ein großer Pianist und beachtlicher Komponist. In Halle ist jetzt seine Oper „Manru“ zu sehen, die von Rassismus und Heimatlosigkeit erzählt.

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          Musik ist klingende Heimat. Sie erinnert uns an zu Hause, an die Familie, Freunde, an Kindheit und Jugend. Sie begleitet unser Leben, wird abgelegt, neu entdeckt, mitgenommen und geteilt. Sie erklingt in den schönsten und den schlimmsten Momenten. Und sie weckt Sehnsucht: nach der Ferne, nach daheim, nach einem verlorenen oder erhofften Zuhause. Der 1860 geborene polnische Komponist und Pianist Ignacy Jan Paderewski war sich dieser heimatlichen Wirkung von Musik stets bewusst. Man könnte sogar sagen, sein gesamtes Schaffen von den Volksmusikstudien in Südpolen über seine melancholische Klaviermusik bis zur Symphonie „Polonia“ ist klingender Ausdruck einer Suche nach einer polnischen Heimat, die seit 1795 auf der Europakarte nicht mehr existierte, annektiert von den Großmächten Preußen, Russland und Österreich-Ungarn.

          In existenzieller Weise entlädt sich diese Sehnsucht in Paderewskis einziger Oper „Manru“, 1901 uraufgeführt in Dresden, seinerzeit Exilort zahlreicher Polen. Das lyrische Drama in drei Akten wurde mit seiner ersten öffentlichen Darbietung zum Politikum. Schon die Kritik beobachtete erstaunt ein „ruhiges deutsches Publikum“ auf der einen und „dröhnende Ovationen“ in „slavischem Idiom“ auf der anderen Seite: „In J. Paderewski triumphierte hier die ganze Rasse“, musste man lesen. „Manru“ wurde schlagartig zum Symbol einer Nation ohne Ort, ihr Plot eines Gesellschafts- und Ehedramas zur Nationaloper schlechthin. Sie wurde von seinem charismatischen Komponisten erfolgreich in die Welt exportiert und politisch klug eingesetzt als Klangdenkmal von Unterdrückung und Vertreibung. So erscheint es beinahe logisch, dass Paderewski nach dem Ersten Weltkrieg der erste polnische Ministerpräsident werden musste, nicht ohne seine Popularität weiterhin für politische Zwecke einzusetzen.

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