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Oper „Guercœur“ in Osnabrück : Der Held der Güte, ein Gespenst

Der Chor des Volkes fordert: Zurück zur Diktatur! Bild: Jörg Landsberg

Manifest säkularer Religion: Osnabrück bringt die großartige Oper „Guercœur“ von Albéric Magnard, einem französischen Opfer des Ersten Weltkriegs, erstmals in Deutschland heraus.

          Johannes Brahms, der mit den Zumutungen unserer Endlichkeit rhetorisch nicht gerade zimperlich umging, schrieb einmal: „Das Leben raubt einem mehr als der Tod.“ Sein französischer Zeitgenosse Albéric Magnard, gut dreißig Jahre jünger als Brahms, hat diese Behauptung noch radikalisiert: Der Tod raubt einem nicht einmal alle Illusionen, die man als Lebender noch hatte, zumindest wenn das Leben kurz, erfolgsverwöhnt und leidensarm war. Das soll ja vorkommen. Bei Guercœur, dem – fiktiven – Titelhelden der Oper, die Magnard zwischen 1897 und 1900 nach einem eigenen Libretto komponierte und die man jetzt ganz überwältigend in Osnabrück erleben kann, ist es vorgekommen. Und das wollte Magnard, ein Rigorist sondergleichen, nicht so stehenlassen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der etwa fünfundvierzigjährige Politiker Guercœur, der sein Volk aus der Tyrannei in die Demokratie geführt hatte, starb auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und seiner Beliebtheit. Noch auf dem Sterbebett schwur ihm seine zwanzig Jahre jüngere Frau Giselle, die er kinderlos zurückließ, ewige Treue über den Tod hinaus. Nun fängt die Oper an, das Orchester stöhnt unter tritonusgeplagter Harmonik; die Chöre des Himmels, in dem kein lieber Gott mehr wohnt, aber die Tugenden Güte, Schönheit und Wahrheit singen, dazu noch das Leiden in Person, diese Chöre schweben in einer Musik voller Licht, gereinigt von allen Spuren des Schmerzes – bis Guercœur ächzt. Er will zurück auf die Erde, weil er „die Stunden des Triumphs und der Zärtlichkeit nicht vergessen“ kann. Das Leiden wird ihm aus Missgunst zum Fürsprecher: Guercœur hat es nicht gekannt, er soll eine zweite Chance bekommen, um es kennenzulernen. Gut, singt die Wahrheit – und sie singt schön –, „wenn der Himmel dir eine Qual ist, wenn du die Illusionen dem Glück vorziehst, kehr zurück“.

          Guercœur kehrt in seine Stadt zurück; zwei Jahre sind unterdessen vergangen. Seine Frau hat den Treueschwur gebrochen und will Guercœurs Schüler und Freund Heurtal – der Wunsch nach eigenen Kindern treibt sie dazu – heiraten. Heurtal ist ein Verräter: „Früher glaubte ich an die Freiheit. Heute glaube ich an die Sklaverei. Das Volk ist müde und vermisst den Tyrannen.“ Und so muss Guercœur erleben, dass nicht nur Freund und Frau ihn verraten, sondern auch dass das Volk den Rückweg von der Demokratie in die Diktatur antritt. Bei einem politischen Tumult wird Guercœur ein zweites Mal getötet.

          Doch als er erneut im Himmel ankommt, singt die Wahrheit einen großen Hymnus auf die Hoffnung: Guercœurs Leben und Sterben seien nicht vergebens gewesen. Am Ende werden sich Wahrheit, Güte und Schönheit durchsetzen. „Die Vermischung der Rassen und Sprachen wird der Menschheit eine Kultur des Friedens geben. Durch Arbeit wird die Armut überwunden, durch Wissenschaft der Schmerz. Und um die Wahrheit zu erlangen, wird der Mensch Vernunft und Glauben vereinen.“ Der liebe Gott wohnt zwar nicht mehr im Himmel, aber die Botschaft des Johannesevangeliums hat den Tod Gottes offenbar überlebt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

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