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Oper „Guercœur“ in Osnabrück : Der Held der Güte, ein Gespenst

Magnard war zeit seines Lebens ein Eigenbrötler und moralischer Radikalist. Er lebte mit seiner Frau, zwei eigenen Töchtern und dem unehelichen Sohn seiner Frau in Baron, abseits von Paris, setzte sich für die Frauenemanzipation ein, engagierte sich für die Menschenrechtsliga, solidarisierte sich mit Émile Zola in der Dreyfus-Affäre gegen den politischen Antisemitismus in Frankreich und verteidigte die Republik gegen alle monarchistischen Umsturzbestrebungen. Am 3. September 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, starb er in seinem Haus, nachdem er sich mit der Waffe gegen deutsche Soldaten verteidigt hatte, die als Vergeltungsschlag sein Anwesen in Brand steckten. Er kam darin um mit fast all seinen Manuskripten.

Licht im Dunkeln: Szene aus der Oper von Albéric Magnard.
Licht im Dunkeln: Szene aus der Oper von Albéric Magnard. : Bild: Jörg Landsberg

In Osnabrück, der Stadt des Westfälischen Friedens und des Schriftstellers wie Weltkriegsteilnehmers Erich Maria Remarque, fühlt sich das Theater unter seinem Intendanten Ralf Waldschmidt dem Erbe einer „Friedensstadt“ besonders verpflichtet und hat deshalb „Guercœur“ auf den Spielplan gesetzt. Was am Anfang des Plans keiner wusste: Dieses großartige Stück, von dem es eine Gesamtaufnahme auf CD mit den Stimmen von José van Dam und Hildegard Behrens unter der Leitung von Michel Plasson gibt, ist seit der postumen Erstaufführung 1931 (und einer Wiederaufnahme 1933) nirgendwo mehr gespielt worden. Osnabrück bringt nun, liebevoll und kenntnisreich durch eine informative Foyerausstellung begleitet, die weltweit zweite Inszenierung und die deutsche Erstaufführung heraus.

Und wie! Das Orchester unter der Leitung von Andreas Hotz verliert keinen Augenblick in diesen drei Stunden die Konzentration. Es entsteht der Eindruck unendlicher Raumtiefe. Der Vogelgesang am Beginn des zweiten Akts ist so suggestiv, wie die Streicherzärtlichkeit in der Vergebungsszene zwischen Guercœur und Giselle rührt und mitreißt. Der Chor, einstudiert von Sierd Quarré, leistet Großes – als unsichtbare, aber hörbare Lichtquelle des Himmels ebenso wie als tumultöses Volkssubjekt einer gewaltsamen Entscheidung für die Unfreiheit.

Der Bariton Rhys Jenkins hat die Kondition, aber auch die nötige farbliche Gebrochenheit, um Guercœur als einen Gezeichneten zu singen, als einen Helden der Güte, der als Gespenst gehetzt wird. Susann Vent-Wunderlich ist eine sinnliche, generöse, aber sehr achtsam intonierende Giselle. Der Tenor Costa Latsos gibt der Figur des Heurtal weniger den Schmelz eines Liebhabers als die Schärfe eines Intriganten und Verräters. Absolut luxuriös ist die Besetzung der himmlischen Tugenden: Katarina Morfa als Güte, Erika Simons als Schönheit und Nana Dzidziguri als Leiden haben solch hinreißende Stimmen, dass jedes Opernhaus Osnabrück um diese Sängerinnen beneiden muss. Aber was die Sopranistin Lina Liu als Wahrheit am Ende aufbietet mit ihrer Klarheit, Reinheit, Kraft und Wärme, das ist kaum zu fassen! Eine Stimme, die an die junge Gundula Janowitz gemahnt!

Dazu kommen die hochintelligente, geschmackvolle szenische Umsetzung durch die Regie von Dirk Schmeding, die Bühne von Martina Segna, die Kostüme von Frank Lichtenberg und die originellen, hochmusikalischen Videos von Roman Kuskowski. Wir werden in einen körperlosen Kosmos mit futuristischen Lichtringen entrückt. Der oratorische Charakter der zwei Himmelsakte wird in einer technizistisch-poetischen Videoinstallation aufgefangen. Zum utopischen Hymnus der Wahrheit am Schluss sehen wir ganz naturalistisch die Vorgänge bei der Einäscherung einer Leiche im Sarg. Diese Nüchternheit stellt die säkularreligiöse Trunkenheit von Text und Musik nicht bloß, sondern rückt Zumutung und Hoffnung erst ins rechte Verhältnis. Deutschlandfunk Kultur hat dieses denkwürdige Ereignis aufgezeichnet und sendet den Mitschnitt am 22. Juni.

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