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Oper : Gespreiztheit will gelernt sein

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Hinter der Bühne wacht die Feuerwehr: Händels „Radamisto” in Karlsruhe Bild: ddp/Badisches Staatstheater

Wer glaubt, man könnte das Barockzeitalter nicht auferstehen lassen, irrt sich: Das Badische Staatstheater in Karlsruhe inszeniert Georg Friedrich Händels „Radamisto“ auf spektakuläre Weise - eine Zeitreise mit Kerzenlicht.

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          Für eine Reise mit der Zeitmaschine muss man zuallererst das elektrische Licht ausmachen. Im Karlsruher Staatstheater stehen darum diese Woche sechshundert Kerzen für die Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oper „Radamisto“ bereit. Entlang einer Leiste an der Rampe scheinen sie von unten, aus den Gassen der bemalten Bühnenprospekte werfen sie ein warmes, ungewohntes Seitenlicht auf die Szenerie. Heller war es im London des Jahres 1720 nicht, als im Kings Theatre am Haymarket das pompöse Stück über Liebe und Neid, Hass und Standhaftigkeit in orientalischen Königshäusern umjubelte Premiere hatte. Und darum gelten jetzt auch in Karlsruhe niedrige Lux-Werte, die kein Gewerkschafter als zureichende Arbeitsbedingung eines Musikers akzeptieren könnte. Hinter der Bühne halten schon bei den Proben eigens ausgebildete Techniker Feuerlöscher fest. Es herrscht – historisch korrekt – gelinde Brandgefahr um Händels Meisterwerk.

          Fast dreihundert Jahre nach der Uraufführung wollen sich Experten der Szenerie, die Händels italienische Bühnenkunst damals bot, so nah wie irgend möglich annähern: Mit Kostümen wie im Barock, mit Gesten, die damals jeder Kastrat und jede Primadonna beherrschte, mit phantasievollen Ideallandschaften und gezirkelten Gärten im Bühnenbild – und mit einem alles in Honigfarben hüllenden Kerzenlicht. Diesen Freitag ist Premiere einer Reise mit der Zeitmaschine ins Barockzeitalter, quasi in die Opernwerkstatt Händels, dessen zweihundertfünfzigsten Todestag die Musikwelt am 14. April begeht.

          Die Grenzen des Historismus

          Doch sind die Opernhäuser von damals nicht alle längst abgerissen und abgebrannt? Wie sollen Körperhaltungen und Interieurs einer untergegangenen Epoche je wieder zum Leben erweckt werden? Woher wissen wir von Tönen, die längst verklungen sind? Die Musik hat da in den letzten vier Jahrzehnten Pionierarbeit bestritten. Längst ist die historische Aufführungspraxis zum Standard für Barockopern geworden. Wie ein Waldhorn um 1720 geklungen hat, welche Technik die Geigen damals zum Klingen brachte, warum Sänger für Händels Bravourarien viel weniger Dynamik und Vibrato benötigen als für Verdi – das gehört längst zum Grundwissen an Konservatorien. Keine ernstzunehmende Händel-Feier ohne „Originalklang“. In Karlsruhe ist dafür der Belgier Peter van Heyghen zuständig. „Eigentlich“, sagt er in einer Pause, „müsste ich als Dirigent einen Bratenrock tragen, am besten in Rot oder Gelb. Denn wir Musiker spielen ja mit.“ In der Tat war das mit Händel als vielbestaunter Sehenswürdigkeit am Pult und am Cembalo genau so, aber die Musiker heute dürfen ihre Noten in Karlsruhe im Schein gedämpfter Halogenlämpchen entziffern. Die Epoche der Glühbirne hat unsere Augen der Dunkelheit entwöhnt, da liegen dann die Grenzen des Historismus.

          Dass es wenigstens auf der Bühne so zwielichtig und barock wie möglich zugeht, dafür ist Sigrid THooft zuständig. Die flämische Regisseurin befasst sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der historischen Aufführungspraxis – nur dass sie es nicht bei den Klängen belässt. Sie will die noch flüchtigeren Erscheinungsformen des Theaters erhaschen: Gesten, Tanzschritte, Bühnenprospekte, Kostüme, Beleuchtung, Schmuck. Erst wenn diese Einzelteile mit der Musik zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, wird Leopold von Rankes Idealziel historischer Suche – das „Wie es eigentlich gewesen“ – einigermaßen Wirklichkeit.

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