https://www.faz.net/-gqz-120s0

Oper : Gespreiztheit will gelernt sein

  • -Aktualisiert am

Komplett artifizielle Welt

Im Gespräch deutet Sigrid THooft die Puzzleteile an, aus denen sie sich ihr ersehntes Gesamtbild zusammensetzen muss. Alte Stiche – auch aus Händels London – zeigen in etwa, wie Bühnenbilder ausgesehen haben. Als kostbare Einzelstücke haben sich hier und da originale Kostüme erhalten. Und in teils bebilderten Traktaten wurden Sängern die passenden Posen für die heroischen Arien beigebracht. Bei den Proben muss Sigrid THooft ihre Sänger in die Gestik des Barocks einführen – eine komplett artifizielle Welt, die von einem Kodex des Rangs und der Ehre geprägt war. Händels Solisten sangen nicht nur mit der Kehle, sondern auch mit den Händen, die sie auf der Bühne stets nach außen gespreizt trugen. Mit bemessenen Bewegungen der affektierten Finger drückten sie Ablehnung, Verführung, Entsetzen aus.

Für heutige Sänger, die in der Ausbildung naturnahen Ausdruck und einen Grundkurs Psychologie mitbekommen haben, sind das gespreizte Schreiten, die überzogenen Seitwärtsblicke und die Grimassen des barocken Zeitalters schwer zu verinnerlichen. „Zu Beginn“, erzählt die Regisseurin, „habe ich den Solisten Essstäbchen auf die Handflächen gelegt. Wenn die Stöckchen aufliegen und schwingen und gemessen herumgetragen werden, stimmen Tempo und Gestik.“

Höfischer Wüterich

Einen charmanten jungen Tenor wie den Niederländer Patrick Henckens verwandelt die barocke Choreographie sukzessive in einen höfischen Wüterich, der mit rot geschminkten Lippen, einem gewaltigen Federbusch auf dem Kopf und vernichtenden Fingerzeigen seine Gegner dem Ruin preisgibt. Jeder Augenaufschlag, jeder erhobene Finger unterstützt im barocken Gestenrepertoire die Stimmung der Arie. Weil keine Bewegung natürlich ist, wird die historische Einfühlung zur Knochenarbeit. „Du musst mir das noch mal erklären“, relativiert Henckens eine schwere Stelle, „ich bin ja ein Tenor.“

Doch die Mär von den eitlen, etwas naiven Sängern, die schon die tragikomischen Kastraten der Barockzeit mit ihren Eskapaden nährten, wird bei diesem komplizierten Zusammenspiel von Körper und Kehle widerlegt. Hier herrscht ein komplexer Bausatz von Tönen und Bewegungen. Ganz wichtig: Die Grundregeln eines höfischen Zeremoniells jener Zeit gelten auch auf der Bühne; sonst hätten sie auf die Zeitgenossen nicht glaubwürdig gewirkt: Immer postieren sich die Niedriggestellten hinter den Protagonisten; wer wichtig ist, tritt mit Schleppenträgern und Gefolge auf; niemals blicken sich die Akteure ins Gesicht, sondern immer schräg ins Publikum.

Große Gefühle als Melodien

Nach über einem Monat intensiven Probens sind die affektierten Schritte und Handbewegungen den Sängern in Fleisch und Blut übergegangen. In zwei Halbkreisen, nie in gerader Linie zirkeln sie ihre Arien aufs Parkett und enden, wo fast kein moderner Regisseur seine Akteure haben möchte: vorne in der Mitte an der Rampe. Aber nur hier bescheint das Kerzenlicht von unten ihre geschminkten Gesichtszüge diabolisch bis liebreizend. Mit jeder Probe wird klarer, dass es bei den dynastischen Verwicklungen um Armenier und Thraker in „Radamisto“ um keinen nachvollziehbaren Plot, sondern um ein höfisches Ballett geht. Der märchenhafte Unsinn des Librettos gibt Händel immer aufs Neue Gelegenheit, große Gefühle wie Standhaftigkeit, Todesmut, Wut, Liebe, Treue in Melodien umzuformen. In der barocken Oper ist das Leben ein einziger Tanz, in dem die Heroen umeinander kreisen und miteinander kollidieren wie Planeten im Weltraum, untermalt von den unwirklichen Sphärenklängen der Musik.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.