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Oper Frankfurt : Versuchsstation des Weltuntergangs

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Frivol und dekandent: „Neunzehnhundert” im Bockenheimer Depot Bild: Barbara Aumüller

Eine Epochenwende wird besichtigt: Das Projekt „Neunzehnhundert“ der Oper Frankfurt lässt das Fin de Siècle wiederaufleben. In einem szenischen Panoptikum entsteht Arthur Schnitzlers Wien zwischen Aufbruchs- und Endzeitstimmung.

          Die letzten Tage des alten Wiens waren die ersten Tage der Neuen Musik. Das Gemisch aus epochaler Dekadenz und kunstspezifischer Avantgarde muss die Oper Frankfurt gereizt haben, etwas bei einer Künstler-Trias - dem Dirigenten Yuval Zorn, der Regisseurin Elisabeth Stöppler und dem Komponisten Jens Joneleit - anzuregen, was unter dem eher lakonisch neutralen Titel „Neunzehnhundert“ naturgemäß kein klingendes Städteporträt werden sollte. Schon eher wollte man dem „Parfum spécial“ jener Epochenwende in einem Wien nachspüren, das nie primär ein geographischer Ort war - vielmehr ein Gemütszustand oder, wie es Karl Kraus in seiner „Fackel“ formulierte: eine Versuchsstation des Weltuntergangs.

          Es ist ein szenisches Panoptikum geworden, vom Bühnenbildner Hermann Feuchter in einem Katastrophenambiente mit umgestürztem Riesenrad aus dem Prater angesiedelt und zusammengehalten durch den Klang dreier Werke, die so nie zusammen zu hören gewesen sind: Alexander Zemlinskys spät wiederentdecktes Mimodrama „Ein Lichtstrahl“ für Klavier aus dem Jahr 1901, Arnold Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ von 1899 in der späteren Kammermusikfassung von 1943 sowie Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ von 1908, in einer Neuinstrumentierung für kleines Ensemble durch Jens Joneleit. Die Werke verbinden keine musikalische Struktur und schon gar keine gemeinsame Form. Und doch scheinen sie in ihrem heterogenen Charakter wie geschaffen, um die Aufbruchs- oder Abbruchsstimmung - je nach Standort - zu dokumentieren, die das Wien des Fin de Siècle so attraktiv für die künstlerische Retrospektive bis heute macht.

          Wer den Innenraum des Bockenheimer Depots jetzt zur Premiere frühzeitig betrat, der konnte sich vor Beginn des eigentlichen Spektakels schon vertraut machen mit einem Gesellschaftsstaat, der wie aus einem Sittenstück von Arthur Schnitzler zu stammen schien, ausstaffiert von Egon Schiele und Gustav Klimt. Musikalisch gerahmt wurde das von Tagesschlagern der Zeit, wiedergegeben von Ansi Verwey, der Korrepetitorin des Hauses, die eine Kostprobe ihres durch einen Weltmeistertitel im Dauerklavierspielen entsprechend ausgewiesenen Talents gab. Danach versammelte sich das zwölfköpfige Ensemble auf der - im buchstäblichen Sinne - verschachtelten Bühne vor dem vom Dirigenten und Pianisten Yuval Zorn traktierten Klavier, um in unablässigen Verschiebungen, Gegenbewegungen und Körperverwurstelungen Zemlinskys „Lichtstrahl“ zu bebildern: eine Dreiecksgeschichte nach einem Text von Oskar Geller.

          Auf der Kippe: Der Tenor Shawn Mathey blickt aus der Gondel in die Tiefe

          Bei der Uraufführung des Stücks 1992, einundneunzig Jahre nach der Komposition, war das kleine, den Wiener Schmäh der Zeit ad absurdum führende Eifersuchtsdramolett wie ein Stummfilm mit großer Gestik und entsprechenden Slapsticks inszeniert worden. Für Frankfurt haben Elisabeth Stöppler, der Kostümbildner Frank Lichtenberg und die Choreographin Dorothea Ratzel, selbst im langen dunklen Reformkleid des Ausdruckstanzes mitwirkend, ein szenisches Kaleidoskop daraus gemacht, ein Bildertheater, das einerseits wie ein Beweis für Rudolf von Labans These wirkte, jeder Mensch sei ein Tänzer, andererseits aber auch als Entree für die folgenden, ernsteren Kompositionen von Schönberg und Mahler gelten konnte, die sich pausenlos anschlossen und gewissermaßen den Dreiklang aus parodistischer Kulturkritik, moderner Harmonik und bekenntnishafter Symphonik komplettierten.

          Physiologische Musik

          In der beeindruckenden Wiedergabe durch das verkleinerte Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter dem umsichtig leitenden Yuval Zorn, pantomimisch ebenso eindrucksvoll illustriert vom Text spiegelnden Schauspielensemble, wurde freilich wieder einmal offenbar, wie wenig nachvollziehbar heute noch der Aufruhr ist, der die frühen Aufführungen von Schönbergs instrumentaler „Nachdichtung“ der Lyrik Richard Dehmels begleitet hat. Im Kontext der Jahreszahl 1900 gehören die aufblühenden melodischen Linien, die subtilen orchestralen Farben, die reiche, ohne alle Gewaltakte sich entwickelnde Harmonik jedenfalls mehr der musikalischen Tradition an, weniger einem Aufbruch in neue Klangwelten.

          Dagegen erscheint Mahlers „Lied von der Erde“ immer noch verstörend modern. Vor allem dann, wenn es wie hier durch das Frankfurter Ensemble in der analytisch- durchsichtigen Instrumentierung von Jens Joneleit und von einer Altistin wie Tania Ariane Baumgartner (als Partnerin des Tenors Shawn Mathey) gestaltet wird, deren berückendes Timbre und faszinierende Bühnenpräsenz auf das Auditorium eine nahezu hypnotische Wirkung ausübt. Und auch das Ensemble, virtuos alle neurotischen, übersteigerten, ekstatischen, triebhaft-erotischen Momente dieser Kunst in Aktionen übersetzend, trägt zu jener grandiosen Aura Mahlerscher Kunst bei, die Paul Becker treffend als „physiologische Musik“ charakterisiert hat.

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