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Oper Frankfurt : Wie du, so blau, ist keine Frau

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Da wird das Weltall zum Himmel auf Erden: Selika (Claudia Mahnke, links) und Vasco da Gama (Michel Spyres) finden im Traum zueinander. Bild: Monika Rittershaus

Antonello Manacorda und Tobias Kratzer entdecken in Giacomo Meyerbeers Oper „L’Africaine – Vasco da Gama“ die Science-Fiction im Historienspektakel. Überzeugende Sänger, überraschende Komik.

          Die Wunde Heine“ hieß 1956 ein Essay Theodor W. Adornos, in dem er nicht nur die Ächtung des Dichters durch die Nationalsozialisten thematisierte, sondern – in heikler Nähe zu seinem Idol Karl Kraus, für den Goethe der Gipfel deutscher Sprache, Heine deren Verderber war – Heinrich Heines Nichtauthentizität diagnostizierte: eine „Wunde“, die er bei Joseph von Eichendorff nicht sah. An seinem jüdischen Zwiespalt litt Gustav Mahler; während Felix Mendelssohn Bartholdy, protestantisch assimiliert und Repräsentant des deutschen Historismus, die Brüche eher verbarg.

          Und Giacomo Meyerbeer, gibt es auch da eine „Wunde“? Aus reicher jüdischer Familie in Berlin stammend, wurde er, obwohl ungetauft, in Paris zur überwältigend erfolgreichen Hauptfigur der Grand Opéra, die in der „Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts“ Sujets wie Techniken des Monumentalfilms vorwegnahm, politische Massenbewegungen fatalistisch auf die Bühne brachte. Widerstände, zunehmend antisemitisch unterfüttert, gab es hauptsächlich in Deutschland, zumal seit Richard Wagners Schrift „Das Judentum in der Musik“, aber schon Robert Schumann giftete gegen Meyerbeers „welschen“ Opern-Zirkus. Antijüdische Ränke gegen ihn blieben in Frankreich unterschwellig, doch schon dreißig Jahre später, in der Dreyfus-Affäre, eskalierte der Antisemitismus.

          Historien-Spektakel und Anti-Kolonialismus-Parabel

          Sind diese Spannungen in Meyerbeers Werk eingegangen? In „Robert le Diable“, „Hugenotten“, „Prophet“ und „L’ Africaine“ geht es zumindest um mörderischen religiösen Fanatismus. Darin liegt nicht zuletzt die Aktualität des historischen Genres. An der Leistungsfähigkeit der Großen Oper zumindest hat Meyerbeer so wenig gezweifelt wie Wagner am „Musikdrama“. Brüche spielen bei beiden keine sonderliche Rolle. Doch bei Meyerbeers letzter Oper fangen die Schwierigkeiten schon mit dem Titel an: Im Zentrum steht ganz klar eine Inderin, „Vasco da Gama“ allerdings akzentuiert einseitig die Helden-Story um den portugiesischen Weltumsegler. Hört man das Stück nun wieder einmal, wie jetzt an der Oper Frankfurt, so erweist sich der Pomp der Grand Opéra als bloßes Klischee. Vielmehr überrascht der Kino-Wechsel von Totale und Nahaufnahme: Meyerbeers Finale lässt in seiner die Intimität an Claude Debussys Mélisande denken.

          Natürlich ist dies auch ein Historien-Spektakel, zeitlich-räumlich fixierbar, zudem exotisch koloriert, wenn auch nicht unbedingt immanent musikalisch. Insofern böte es sich an, das Ganze als böse Anti-Kolonialismus-Parabel anzulegen. Als Spaniens König Juan Carlos im Columbus-Jahr 1992 Lateinamerika bereiste und die hispanischen Segnungen pries, wurde ihm wütend entgegnet, die Konquistadoren hätten einzig Sklaverei, Folter, Mord und Ausbeutung gebracht. Schon Meyerbeer und sein Librettist Eugen Scribe schilderten, dass portugiesische wie indische Machthaber gleichermaßen inhuman verfuhren.

          Raumschiff ohne Brokat

          Befuhren die großen Eroberer auf der Suche nach neuen Ländern und Schätzen früher die Meere, so richtete sich späterer Ehrgeiz aufs Weltall. Filme wie Stanley Kubricks „2001“ oder James Camerons „Avatar“ thematisierten galaktische Odyssee oder utopische Gegenwelten. Beide wirken in Tobias Kratzers Frankfurter Inszenierung nach: Lissabons Staatsrat tagt in einer Art Nasa-Zentrale. Spielstätte ist ein Raumschiff, steril weiß, mit geisterhaften Schotten, Astronauten auf Außen-Trip. Gleichwohl werden mancherlei Emotionen, so Männerträume von netten Frauen und Kinderglück, per Video klischeegesättigt eingespielt.

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