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Oper Frankfurt : Sag mir, wo die Tiere sind

Fragt der Fuchs die Füchsin: „Wollen wir eigentlich noch mehr Kinder?“ Jenny Carlstedt (links) und Louise Alder Bild: Barbara Aumüller

In Frankfurt sieht „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček vor lauter Beton keinen Wald mehr. Dennoch oder gerade deswegen funktioniert diese Erzählung.

          Rennen, stehen, schnuppern, weiterrennen – das ist das Bewegungsmuster eines Fuchses, der das Terrain erkundet. Es geht alles sehr rasch. Der Wechsel von Bewegung und Pause bleibt für den Menschen unvorhersehbar, weil dessen Blick auf die Welt ein anderer ist als der des Fuchses. Leoš Janáček hat solche Bewegungsmuster ausgiebig studiert, wie er sich auch Sprechtonfälle, Redegesten, Satzmelodien von Menschen notierte im Rahmen seiner musikalischen Verhaltensforschung.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Johannes Debus, der „Das schlaue Füchslein“ jetzt an der Oper Frankfurt dirigiert, muss solche Beobachtungen selbst gemacht haben. Das Vorspiel ist auf erregende Weise plastisch. Man hört, gebannt, in den Zweiunddreißigsteln das Rascheln von Halmen und Zweigen, man hört die energiegeladene Spannung der irregulären Pausen, in denen wach geäugt, gelauscht, gewittert wird; man hört aber auch den ruhigen Fluss des Vierachteltakts, gewissermaßen das menschliche Maß, das den notwendigen Kontrast abgibt für das, was wir nicht sind: das Andere, das Tierische mit einer ihm eigenen Kinetik und Logik. Janáček hat in der Partitur sogar vorgeschrieben, wie die einzelnen Bewegungen in diesem klanglichen Wimmelbild optisch umzusetzen seien. Das reicht vom Libellenballett bis zum pfeiferauchenden Dachs. Von alledem aber sieht man in Frankfurt nichts. Stattdessen: Beton.

          Die Bühnenbildnerin Stephanie Rauch hat eine Stadtlandschaft des postindustriellen Zeitalters entworfen mit Wohnraum, der unsere Existenz auf Quaderform bringt, und mit verlassenen Fabrikhallen aus der Ära harter körperlicher Arbeit, die heute, in der Zeit des Klickens und Swipens, so nostalgisch wirken wie der Wald für Janáček um 1920.

          Tiere mit menschlichen Zügen oder andersherum

          Füchslein Schlaukopf ist hier ein obdachloses Straßenkind aus dem Sprayermilieu, das dem Förster am Schnapskiosk das Portemonnaie und die Fritten klauen will. Was sich zwischen den beiden blitzschnell entspinnt, hat die Regisseurin Ute M. Engelhardt mit den ausgezeichneten Darstellern Louise Alder und Simon Neal in einer stummen Szene präzise herausgearbeitet. Der Förster ist tief beeindruckt von einem Mädchen, das sich nicht, wie er selbst, der Tristesse eines genormten Lebens fügt. Das Mädchen hat zunächst Angst, aber auch Sehnsucht nach etwas Geborgenheit. Offenbar ist es gewohnt, Fürsorge mit sexuellen Dienstleistungen zu vergelten. Es kennt das nicht anders. Doch der Förster wehrt ab. Dieser Wille, eine Beziehung nicht auf ein Konsumverhältnis zu reduzieren, gibt seiner Figur von Anfang an etwas Sympathisches, Rührendes. Er hat in den Augen des Mädchens den Spiegel seines falschen Lebens gefunden, die Verstörung darüber wird im Verlauf des Stückes zunehmen.

          Tiere sind für Engelhardt nur Beiwerk. Als Albtraum in der Försterwohnung stecken noch Hühner ihre Köpfe aus den Wänden, was ein herrliches Bild abgibt, genauso wie später der besoffene Schulmeister (Beau Gibson), der in der Luft Fahrrad fährt. Nur an zwei Stellen setzen sich Förster und Füchsin sowie Fuchs und Füchsin ein paar Fuchsmasken (von Steve Wintercroft) auf, aber mehr in paartherapeutischer Absicht, um sich spielerisch aus zwischenmenschlichen Verlegenheiten zu helfen. Nicht der Dachs wird im zweiten Bild aus seinem Bau vertrieben, sondern der Pfarrer (Magnús Baldvinsson) aus seiner Wohnung – und zwar von erotischen Phantasien seines zölibatären Lebens. Die Waldtiere sind bollerbusige Wuchtweiber in schwarzer Unterwäsche (Kostüme: Katharina Tasch), die durch die Übertreibung wieder tierische Züge annehmen. So stellt man sich eine Rudelorgie von Pandabären vor.

          Natur ist Müllsäcke, Beton, Rohholz

          Es ist erstaunlich, wie gut diese Erzählung, ganz ohne Gleichnisebene, anders als die Originalgeschichte, funktioniert. Das hat vor allem mit dem ausdrucksstarken, lebhaften Gesang und mit dem bestechenden Schauspiel bei allen, auch dem flinken Kinderchor, zu tun. Jenny Carlstedt als Fuchs und Louise Alder als Füchsin spielen die Scheu voreinander, die Sorge umeinander, den Drang zueinander im ersten Verliebtsein so suggestiv, dass man für diesen Moment weder Tier noch Wald vermisst.

          Natürlich hätte Janáček diese Inszenierung gehasst, weil er beim „Füchslein“ auf Tieren bestand. Und zwar, weil es ihm um ein unsentimentales Verhältnis zur Natur ging, um die Gestaltung unseres eigenen Bezogenseins auf etwas, das wir nicht sind. Zur Natur ist Engelhardt nicht viel eingefallen. Als Fuchs und Füchsin in Liebesrausch geraten, senken sich zwar Grünpflanzen von oben nieder, aber da sieht die Bühne dann aus wie ein Gartencenter. Den Förster, der stattlich und zugleich warmherzig singt, lässt die Regisseurin am Ende vor der Leiche der Füchsin im Regen stehen. Kein Waldzauber, keine Blütenpracht sind zu sehen. Nur Müllsäcke, Beton, Rohholz.

          Man spürt die Angst einer ernüchterten Intellektualität vor der Natur als Dekor oder als Projektion; man spürt die angestrengte Vermeidung des Possierlichen im Zeitalter von Katzenvideos auf Youtube. Für Janáček war die Natur ein Inbegriff jener Lebensfreude des sinnerfüllten Moments, die den Menschen in ihrem Regime der Pflichterfüllung und der Sicherung der Herrschaft über die eigene wie die sie umgebende Natur abhandengekommen war. Wie sieht das aber heute aus, da innerweltliche Askese an Selbstverständlichkeit verloren hat?

          So munter in Frankfurt gesungen, so bezwingend gespielt, so plastisch dabei musiziert wird – der Frage, was Natur uns heute bedeuten könnte, weicht die Inszenierung aus. Dabei ist doch unser Verhältnis zu den unvorgreiflichen Voraussetzungen unserer Existenz inzwischen problematischer denn je.

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