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Oper : Die Jahrhundertsängerin: Zum Tod von Elisabeth Schwarzkopf

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Als bedeutendsten Musiker, dem sie begegnet sei, hat sie freilich Swjatoslaw Richter genannt. Zahlreiche ihrer Aufnahmen sind mirakulös geblieben, haben Standards für Generationen gesetzt. Dabei zeugen ihre frühen Bach-Aufnahmen noch durchaus von vitalem Espressivo; über das vibratolose Singen der Puristen hat sie nur gespöttelt. Dabei war sie insgesamt dem direkt, gar überrumpelnd ansprechenden Ausdruck weniger zugetan - das so schwer sein deutsches Pendant findende englische Wort „sophisticated“ trifft ihre berückende Kunst in der Mischung aus lyrischer Entrückung und bisweilen preziösem Hintersinn wohl am besten.

Für die Moderne hatte sie leider gar keinen Sinn, sie hat sich da mehrfach auf einen normativen Konservativismus zurückgezogen - sieht man von Strawinsky ab, für den sie in Venedig die Ann Trulove in der Uraufführung des „Rake's Progress“ sang. Bergs Sieben frühe Lieder etwa hätte man gerne mit ihr gehört. Nicht das geringste Feld ihrer Kunst indes war die Operette, ob Strauß oder Léhar. Auch hier ging es ihr nicht um vulgäre Pseudosinnlichkeit, sondern um fast fragile, unerhört ziselierte Kunstgestalten, die sie mit gutem Grund einzig für die Platte festgehalten hat.

Mitleidlose Kritikerin

1971 hat sie sich in Brüssel als Marschallin von der Bühne verabschiedet, danach noch Liederabende gegeben. Daß die ehrgeizige Perfektionistin nicht darauf aus war, trotz Alterserscheinungen weiter das Rampenlicht zu suchen, war klar. Dafür hat sie als Lehrerin, so geschätzt und verehrt wie als mitleidlose Kritikerin gefürchtet, in Lied-Meisterklassen ihre immense Erfahrung weitergegeben. Vor allem auf der Wort-Deutlichkeit und Verständlichkeit, der Sprachgeborenheit des Liedes hat sie unnachgiebig bestanden. Sie blieb eine Instanz; manche Kulturkonservative haben sie gar in den Rang eines Orakels, etwa in Sachen Salzburger Festspiele, heben wollen, haben ihr damit nicht unbedingt einen Gefallen getan.

Ihre letzten Jahre wurden überschattet durch Hinweise auf Flecken in ihrer Biographie. Der Engländer Alan Jefferson hat ans Licht gefördert, daß ausgerechnet die Gattin des jüdischen Emigranten Walter Legge, zudem sogar „Dame of the British Empire“, Züge einer NS-Karrieristin hatte. In New York wurde sie gar zur „Nazi-Diva“ abgestempelt. Doch daß die Mittzwanzigerin, so begabt und überaus ehrgeizig wie blond-blauäugig-attraktiv, im Verfolgen ihrer Karriere, auch im Film (protegiert offenkundig von Goebbels) nicht eben oppositionell agierte, war im Prinzip bekannt. Zur NS-Galionsfigur wurde sie darüber nicht. Daß sie die Fehltritte vertuscht hatte, auch, als die Sache ruchbar wurde, nicht freimütig eingestand, wurde ihr von manchen mehr zum Vorwurf gemacht als die Nutznießerschaft am NS-Kultursystem selber.

Nun ist Elisabeth Schwarzkopf im Alter von neunzig Jahren gestorben. Als Opern- wie Konzertsängerin stand sie, lyrisch beseelte Priesterin der Vollkommenheit, wie nur ganz wenige andere für die Kunstreligion Musik. Darin hatte sie epochalen Rang.

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