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Oper : Die Jahrhundertsängerin: Zum Tod von Elisabeth Schwarzkopf

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Legge hatte 1948 für Furtwängler, Klemperer und den jungen Karajan das Londoner Philharmonia Orchestra geschaffen, mit dem zahlreiche Modell-Aufnahmen auch unter Giulini und Sawallisch, Maria Callas oder Walter Gieseking entstanden. Den großen Opern- und Oratorienproduktionen gingen lange Vorarbeiten und vor allem Probenzeiten voran, intensive Ensemblearbeit wurde geleistet - und die Plattentechnik vermittelte schon Qualitäten wie Intentionen der Beteiligten. Nicht wenige Aufnahmen haben tatsächlich epochalen Rang gewonnen und behalten. Hinzu kam Legges Sinn für ganz spezifische Modernität, hier sogar der Extreme. So spürte er in Maria Callas die unvergleichliche Gabe, aus historischen Opernfiguren dramatisch exaltierte Menschen aus Fleisch und Blut zu machen - und bei Elisabeth Schwarzkopf ganz im Gegenteil die Fähigkeit, Bühnenpersonen bei aller vital-expressiven Präsenz doch wieder in Kunstgebilde zurückzuverwandeln. Veristischer Identifikationsdruck war ihre Sache wahrlich nicht; auch den warmen „Herzenston“ haben manche mitunter bei ihr vermißt.

Mythische Hochadelsdamen

So war es kein Zufall, daß nicht die großen Leidenden oder Handelnden ihre Domäne waren, sondern hochbürgerliche oder gar mythische Hochadelsdamen. Mozarts Gräfin, Elvira und Fiordiligi, Strauss' Ariadne, Marschallin (auch im Film) und „Capriccio“-Gräfin, auch die Alice in Verdis „Falstaff“ - das waren die durch und durch prototypischen Schwarzkopf-Partien. Sie alle hatten ihre Reize in der so empfindlichen Balance des Seelentons und des synthetischen Artefakts. Wird bei Strauss in seinem die Gattung selber reflektierenden Spätwerk Frauenliebe und -leben zur Oper vom Wettstreit um die Priorität von Wort und Ton, so hat Elisabeth Schwarzkopf ihre Kunst stets als Spannung, ja Spaltung, letztlich sogar Vexierbild von Klang und Sprache verstanden. Das schmissige Drauflossingen lag ihr ganz und gar nicht, ein Moment artistischer Stilisierung blieb oft gewahrt. Nicht zufällig hieß ihr bevorzugter Tenor-Partner Nicolai Gedda.

Vor allem dieser Tendenz zur Sublimierung, ja vokalen Kalligraphie wegen, der oft ingeniösen Vermittlung von Wort und Klang, war sie als Liedsängerin eine Kategorie für sich. Kaum jemand hat, ganz besonders bei Hugo Wolf, das auch Als-ob dieser Stücke so perfekt realisiert. Nicht zufällig hat sie gern und oft mit Dietrich Fischer-Dieskau zusammen gesungen. Und manchmal ist bei ihr ebenfalls die Tendenz zur mitunter schier didaktischen Überdeklamation eine manieristische Grenze. Zumal sie in der Neigung zur bisweilen fast überkandidelten Text-Exegese ganz bewußt Vokal-Verfärbungen riskierte. Als Liedsängerin hat sie überdies das enorme Glück gehabt, nicht nur in dem großen Gerald Moore, später auch in Geoffrey Parsons einen kongenialen Partner gehabt zu haben: Furtwängler, Edwin Fischer, Gieseking, der russische Komponist Nikolaus Medtner und sogar Glenn Gould (die Ophelia-Lieder von Strauss) haben sie begleitet.

Standards für Generationen

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