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Oper : Der Teufel im Auge des Betrachters

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Die ganze Vegetation menschlicher Gefühle: Julia Bauer als Sierva Maria und Andreas Kindschuh als Pater Delaura Bild: dpa

Deutsche Operprovinz auf internationalem Niveau: Das Opernhaus Chemnitz brilliert mit der deutschen Uraufführung von „Love and other Demons“ nach dem Roman von Gabriel García Márquez. In wuchernden Klangfarben zeigt Peter Eötvös die Dämonie menschlicher Gefühle.

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          Man kann nur immer wieder staunen über das künstlerische Niveau von Operninszenierungen in der deutschen Provinz. Eigentlich müsste man dafür plädieren, die hiesige Musiktheaterlandschaft endlich in das Kulturerbe der Unesco aufzunehmen. Weltweit gibt es keine solche Dichte an Opernhäusern, und in den Unesco-Kriterien wird ja explizit erwähnt, zu schützen seien Ereignisse, die „einzigartiges Zeugnis einer kulturellen Tradition darstellen“. Gilt das nicht für die achtzig Musiktheater von Aachen bis Meiningen und von München bis Freiberg in Sachsen? Und gibt es nicht Anzeichen für eine Bedrohung dieser einmaligen Kulturlandschaft, bedenkt man, dass 35 Kulturorchester seit 1992 aufgelöst und siebzehn Prozent der Musikerplanstellen in Deutschland wegrationalisiert wurden? Bayern immerhin hat das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth für die Weltkulturerbeliste der Unesco angemeldet. Tropfen auf den heißen Stein.

          Vielleicht sollte man dem Kulturstaatsminister empfehlen, einmal durchs Land zu fahren und sich von dieser weltweit einzigartigen Kultur zu überzeugen. Das Theater Chemnitz könnte mit der deutschen Erstaufführung der Vertonung von Gabriel García Márquez’ Roman „Del amor y otros demonios“ („Von der Liebe und anderen Dämonen“) durch den ungarischen Komponisten Peter Eötvös ein guter Einstieg sein. Sie zeigt, dass die deutsche Opernprovinz auf internationalem Niveau agiert und selbst die spektakuläre Uraufführung des Werkes vor einem Jahr im englischen Glyndebourne in den Schatten stellen kann.

          Peter Eötvös hat die Vorlage mit Hilfe seines Librettisten Kornél Hamvai in einen kongenialen, vorwiegend englisch gesungenen Opernstoff verwandelt, der die Kraft des Romans bewahrt und zugleich in ein anderes sinnliches Medium transformiert: Was bei Márquez in phantastischen Sprachbildern und archetypischen Szenen den Geist beflügelt, wird von Eötvös in wuchernde Klangfarben übertragen, die den Körper ergreifen.

          Teufelsaustreibung mit Todesfolge: Renatus Mészàr bannt prophylaktisch die Dämonen
          Teufelsaustreibung mit Todesfolge: Renatus Mészàr bannt prophylaktisch die Dämonen : Bild: dpa

          Magische Stimmung

          Das war schon bei der Uraufführung zu erahnen – wirklich erleben konnte man es aber erst jetzt in Chemnitz. Es liegt an einer beeindruckend gelungenen Kongruenz von Musik und Bühne, Orchesterklang und szenischer Aktion, suggestivem Bühnenbild und berauschendem Melos, magischer Stimmung und realistischem Detail. Voraussetzung dafür aber ist, dass der Regisseur in die Partitur schaut, der Bühnenbildner etwas vom Zauber kolumbianischer Atmosphäre zur Sklavenzeit einzufangen vermag, das Ensemble über sich hinauswächst, der Dirigent mit einer Mischung aus Strenge und Rubato alle atmen lässt und das gesamte Team das Werk in gleichschwebender Temperatur erfasst.

          Es geht nicht um erfüllte Liebe in diesem Stück, vielmehr um unterdrückte, fehlgeleitete, missverstandene, zerstörerische, unerlaubte und damit gefährliche Liebe. Diese äußert sich nie direkt und entfaltet so eine umso explosivere Wirkung, zentriert auf die zwölfjährige Sierva María, die von einem tollwütigen Hund gebissen und von einer vorgeblich um ihr Seelenheil besorgten katholischen Kirche einer prophylaktischen Teufelsaustreibung mit Todesfolge unterzogen wird, worüber ein ganzes Kloster in Gefühlsverwirrung gerät. Die Dämonen sitzen freilich nicht im Körper des Mädchens, sie lauern im Auge des Bischofs, der seine unkeuschen Gefühle mit Weihwasser reinwaschen möchte. Nicht die vordergründige Handlung in dieser wundersamen Zwischenwelt aus alteuropäischer Zivilisation und afrikanischer Mystik prägt freilich dieses Werk, vielmehr die ganze verschlungene Vegetation menschlicher Gefühle, die auf dem exotischen Humus betörender Farben, Klänge, Düfte ausbricht.

          Monströse Gefühle der Wollust

          Der Regisseur Dietrich Hilsdorf, der Bühnenbildner Dieter Richter und die für die Kostüme verantwortliche Renate Schnitzer tun gut daran, das Orchester hinter einem Gitter im Bühnenhintergrund wie in der Apsis einer Klosterkirche zu plazieren, das magisch-realistische Geschehen aber zwischen einem verschlissenen Kolonialpalast am linken und einer mit rätselhaften Fetischen versehenen Yoruba-Hütte am rechten Bühnenrand so dicht an das Publikum heranzurücken, dass man die unbarmherzig aggressiven und himmlisch-betörenden Klänge körperlich spüren, den Schweiß unter den Soutanen geradezu riechen kann. Hautnah erlebt man auch die Seelenqual von Sierva María, wie sie, ein Kind noch, aber schon die betörende Frau in sich spürend, der Willkür des Bischofs wie der hilflosen Liebe des Paters preisgegeben wird.

          Julia Bauer stattet dieses Mädchen mit einer schier unglaublichen Vielfalt an darstellerischen wie vokalen Nuancen aus: eine Glanzleistung in dieser mörderischen Partie zwischen halsbrecherischen Koloraturen und innigstem Melos. Ihr zur Seite steht ein bewunderungswürdiges Ensemble: Renatus Mészár als ebenso stimmgewaltig wie schauspielerisch gebrechlich seinen kirchlich orthodoxen Standpunkt vertretender Bischof; Andreas Kindschuh als verzweifelt liebender und ebenso singender Pater Cayetano; schließlich Monika Straub als monströs Gefühle der Wollust in sich spürende und vokal entsprechend äußernde Äbtissin – stellvertretend für ein glanzvolles Ensemble und einen bemerkenswert sicheren Chor. Frank Beermann leitete ebenso vehement wie umsichtig das zu allen notwendigen Bruitismen des Plots wie schwebenden Klangfarben fähige Orchester. Eine bravouröse Aufführung, die in Erinnerung bleiben wird.

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