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Oper: „Daphne“ in Frankfurt : Lebenslicht, drunten im Abgrund

  • -Aktualisiert am

Die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson brilliert als große Klagende Bild: Barbara Aumüller

Wegweisung einer missbrauchten Frau: Claus Guth wagt an der Frankfurter Oper eine radikal neue Sichtweise auf Strauss' „Daphne“ und inszeniert sie als subtiles Missbrauchsdrama ohne jede tagespolitische Angestrengheit.

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          Eine alte Frau kehrt heim an die Stätte ihres Martyriums. Sie durchschreitet Räume, die ungute Erinnerungen wecken. War es nicht hier, in diesem verlassenen Internatsgemäuer mit seiner unmenschlichen Architektur, dass man sich an ihr verging? Gleich reihenweise, in rauschhafter Enthemmung, wie auf einem antiken Opferfest? Dass sie den falschen Freunden vertraute, selbstsüchtigen Männern, denen es bloß um Triebabfuhr ging, nicht aber wie ihr, der gerade erst erwachenden Frau, um die Poesie der Vögel und Bäume – der heilen, immergrünen Natur, die ihr nach der unfassbaren Tat vollends zum Fluchtort geworden ist? Die Frau, nennen wir sie Daphne, durchlebt die traumatischen Ereignisse, als seien sie gestern geschehen: Wie sie erst von ihrem Jugendfreund betrogen wurde und auch von jenem strahlenden Apoll, einem Charismatiker, dem sie so vertraut hatte! Wie die ungleichen Männer aufeinander losgegangen waren in tödlichen Hass, so dass ihr, dem Objekt aller Begierden, nur der endgültige Rückzug in eine grüne Gegenwelt blieb. All das ist so gegenwärtig, dass die Frau in dem Gemäuer noch das wortlose Echo ihrer ungehörten Schreie zu vernehmen meint ...

          Bei der Frankfurter Neuinszenierung der Oper „Daphne“ von Richard Strauss wagt der Regisseur Claus Guth eine radikale, neue Sichtweise dieser „Bukolischen Tragödie in einem Aufzug“, die auf alle mythologische Einkleidung des antiken Stoffes verzichtet. Stattdessen erzählt Guth die von Ovid und vielen anderen gestaltete Sage von der Baum-Nymphe Daphne konsequent als Drama eines Missbrauchs. Die Bezüge zur aktuellen Diskussion um solche Vorfälle in Schulen und kirchlichen Einrichtungen liegen auf der Hand, wirken aber niemals aufgesetzt, plump oder vordergründig, weil Guth die Geschichte streng aus der Innenperspektive der Titelheldin schildert.

          Dabei nimmt er wenig Rücksicht auf den papierenen Bildungsballast, mit dem Joseph Gregor, der unglückliche Nachfahre von Hofmannsthal und Stefan Zweig, das Libretto befrachtet hat; auch die für Strauss seit „Elektra“, „Ariadne“ und der „Ägyptischene Helena“ so zentrale Idee einer Wiederbelebung des antiken Griechentums spielt hier kaum eine Rolle. Doch erstaunlicherweise gibt die kühne Entschlackung dem Werk mehr, als sie ihm nimmt: „Daphne“, dieses angesichts seiner prekären Entstehungszeit zwischen 1935 und 1937 immer wieder der ästhetizistischen Weltflucht verdächtigte Spätwerk des Siebzigjährigen, entpuppt sich als psychologisch abgründige Fallstudie, die den frühen Seelendramen „Salome“ und „Elektra“ ebenbürtig an die Seite zu stellen ist.

          Daphne als blütenweiße Unschuld inmitten männlichen Rauschs

          Leidensphasen eines Lebenstraumes

          Allein schon dieser Erkenntnisgewinn spräche für die Produktion von Claus Guth, der nach einigen weniger überzeugenden Inszenierungen in der letzten Zeit hier endlich zu seiner charakteristischen Symbol- und Gedankendichte zurückgefunden hat. Dabei hilft ihm das atmosphärische Bühnenbild von Christian Schmidt, der drei in ihrer architektonischen Überhöhung ungemein bedrohliche Räume einer Erziehungsanstalt aus dunkelster Zeit auf die Drehbühne gewuchtet hat. Zwischen Versammlungshalle, Biologiesaal und Klassenzimmer wandelt die in Bitterkeit verstummte Daphne – verkörpert von der Schauspielerin Corinna Schnabel – durch die Trümmer ihrer Kindheit.

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