https://www.faz.net/-gqz-7286z

Oper : Chaos in der Museumsvitrine

  • -Aktualisiert am

Gewaltig ist die Tiefe dieses Bühnenraums: Szenenbild aus Heiner Goebbels’ Inszenierung der „Europeras“ von John Cage in Bochum Bild: Wonge Bergmann

Heiner Goebbels inszeniert zur Eröffnung der Ruhrtriennale John Cages „Europeras“. Eine Materialschlacht, prächtige Dekorationen, atemraubende Artistik. Trotzdem zündet der Funke nicht.

          4 Min.

          Es brummt in der Jahrhunderthalle in Bochum wie in einem Bienenstock. Sind ja auch heute wieder alle Bienenköniginnen und Bienenkönige versammelt, alle Drohnen und Strippenzieher, die der Musikbetrieb in Deutschland so aufzubieten hat: Direktoren, Intendanten, Dezernenten, Agenten, Kulturpolitiker, Kulturkritiker oder sonst wie Verantwortliche. Zumindest alle drei Jahre, wenn bei der Ruhrtriennale ein Intendantenwechsel stattfindet, gibt es zur Feier der Eröffnung fast ebenso viel Brimborium wie bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele.

          Plötzlich tönt eine Lautsprecherstimme, gleich sinkt der Schwatz-Pegel, alle setzen sich, die letzten schalten ihr Handy aus. Doch geht es bei der Ansage gar nicht darum, auch nicht, ob irgendwelche Sänger indisponiert sind. Vielmehr wird um Applaus gebeten für den Einzug der Juroren der „Children’s Choice Awards“.

          Ein neues Kulturprojekt: Kinder begutachten Opern

          Und dann marschieren sie herein, in Reih und Glied, wie zum Appell, um sich die knapp zweieinhalbstündige Premiere von „Europeras 1 & 2“ des Komponisten John Cage anzuschauen: drei Dutzend Kinder und Jugendliche, Mädchen und Jungen, alle kommen aus Schulen der Region.

          Insgesamt hundert solcher Kinder-Juroren beobachten in diesem Jahr die Ruhrtriennale. Sie begutachten drei Opern-, vier Theater- und fünf Tanzdarbietungen, und vergeben anschließend Preise: Für die coolste Musik, das lustigste Kostüm, die schlechtesten Träume usw. Diese Kinder-Juries sind Teil eines aufwendigen „no-education“-Projekts, das ist eine jener Erfindungen, mit denen der neue Ruhrtriennale-Chef Heiner Goebbels das Festival gründlich liften und verändern will.

          Wie schrecklich höflich, wohlerzogen und diplomatisch!

          Mit seinem Namen und seiner Kunst, als Komponist und als Regisseur, steht Goebbels selbst ein für die seit 1968 mannigfach erprobten Formen eines interaktiven Musiktheaters, das die Grenzen der alten Gattungen sprengt und dabei die Rezeption mit in die Produktion integriert. Nach knapp drei Stunden, auf der Rückfahrt, sind dann im Autoradio die ersten Juroren-Eindrücke zu hören, denn das Kulturmagazin „Fazit“ des Deutschlandradio sendet heute Nacht live aus der Jahrhunderthalle.

          Ach, wie schrecklich höflich sind diese Kinder, wie wohlerzogen und diplomatisch! Es sei, sagt eins, ja zuerst recht langweilig gewesen, dann aber „doch ganz interessant“. Klar, ja, langweilig schon, sagt ein anderes, aber das „ist eben Kunst!“

          Alles klug durchgefeilt und gelenkt: Das Chaos, von dem John Cage geträumt hat, landet in Bochum in der Museumsvitrine. Szene mit Liliana Nikiteanu, Asmik Grigorian, Robin Tritschler und Karolina Gumos

          Diese Kinder-Juror-Weisheit trifft ins Schwarze. Was aber natürlich bedeutet, für Goebbels und für seine hochfliegenden Ambitionen ebenso wie für sein engagiertes, kostbares Team: Der erste Probeschuss ging nach hinten los. Für ein Kind, aufgewachsen im Medienzeitalter, mag das „Multi-Tasken“ beim Erfassen dieser kleinportionierten und dem Zufall überlassenen Schnitzel von Ton, Aktion, Bild, Wort, Pose, Licht, Tanz und Bewegung gar kein so aufregendes Abenteuer mehr sein, so, wie es das vor fünfundzwanzig Jahren war, als John Cage in Frankfurt sein Werk zum ersten Mal präsentiert hatte: Eine Hommage an die europäische Operngeschichte einerseits - zumindest an all die nicht mehr urheberrechtlich geschützten Titel: „your operas!“; und zugleich die ultimative Zerstörung und Zerschredderung der Gattung: „an opera to end all operas“.

          Andererseits ist das phantastisch beziehungsreiche Augenfutter, das jetzt von Bühnenbildner Klaus Grünberg und Ausstatterin Florence von Gerkan aus vierhundert Jahren Operngeschichte zusammengetragen und herrlich aufbereitet wurde, in den Augen eines Kindes, das mit Videospielen aufwuchs, nur ein lächerlicher Pipifax.

          Weitere Themen

          „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“ Video-Seite öffnen

          Schriftsteller Waltern Kirn : „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“

          Walter Kirn wurde mit seinem Roman „Up in the Air“ (2001), der mit George Clooney verfilmt wurde, als Schriftsteller bekannt. Der Amerikaner kommentiert die amerikanische Gegenwart vor allem auf Twitter, zeitweilig auch als Kolumnist bei „Harper’s“. Zuletzt erschien sein Buch „Blut will reden“ im C. H. Beck Verlag.

          Topmeldungen

          Hat die Ausgangsbeschränkungen in Bayern verlängert: Ministerpräsident Markus Söder (CSU)

          Kampf gegen Coronavirus : Bayern verlängert Ausgangsbeschränkungen

          Die seit dem 21. März wegen des Coronavirus geltenden Ausgangsbeschränkungen in Bayern werden bis zum Ende der Osterferien am 19. April verlängert. Ursprünglich sollten die Beschränkungen bis einschließlich 3. April gelten.

          Umzug von Harry und Meghan : Eine Krise in der Krise

          Donald Trump macht klar: Amerika zahlt nicht für die Sicherheit von Prinz Harry und Herzogin Meghan. Doch nun sind viele Landsleute verärgert über den Umgang des Präsidenten mit dem royalen Paar – was mit der Corona-Pandemie zu tun hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.