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Oper : Brust, Bauch, Helm, Speer

  • -Aktualisiert am

Tatkräftiger Gurnemanz und Parsifal mit metallischer Durchschlagskraft Bild: AP

Wo Opernmacher nicht mehr an die Oper glauben, müssen Filmemacher ran: Bei Bernd Eichingers „Parsifal“ in Berlin wackelt die Kulisse. Ein neuer Gegenentwurf zur schrillen Bayreuther „Parsifal“-Premiere des vorigen Sommers.

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          Als "Winterbayreuth" hat sich die Lindenoper in Berlin schon oft verkleidet, nicht erst seit den großen Kupfer-Barenboim-Wagnerfestivals der neunziger Jahre. An diesem Abend trägt sie den Titel zu Recht. Die neue "Parsifal"-Produktion, die fortan im Spielplan die zwar langweilige, aber regiehandwerklich superkorrekte Inszenierung von Harry Kupfer aus dem Jahr 1992 ersetzen soll, tritt auf wie ein Gegenentwurf zur schrillen Bayreuther "Parsifal"Premiere des vorigen Sommers.

          Auch das Mediengetöse vorab war beinahe so aufdringlich. Man zählte die Haare auf dem Kopf, die Schnürsenkel und konsumierten Filetspitzen des Regie-Neulings Bernd Eichinger ebenso scharfsinnig, wie man weiland die Zwischenmahlzeiten des Bayreuther Regie-Neulings Christof Schlingensief rapportiert hatte, der nun beim Premierenabendauftrieb in Berlin quasi opfermäßig kollegial in die Kamera grüßte.

          Pressehype und Quote

          Halb München ist vorhanden, das versammelte Starpersonal der Bavaria Film Studios posiert für die Fotografen. In der Mittelloge sitzt Flierl statt Stoiber, flankiert von Wolfgang, Katharina, Gudrun, mithin vom Triptychon der amtierenden Heiligen Familie, die durch nichts Geringeres als Blutsbande berufen ist, den einzig wahren Wagnergral zu hüten.

          Regiedebütant Bernd Eichinger und der Dirigent Daniel Barenboim

          Sie haben es mit ihrem "Hasifal" vorgemacht: Glanz des Diesseits, Pressehype und Quote sind das A und O beim Polieren des Kelchs geworden, jeder schlagzeilensichere Debütant darf mal nippen. Als dann das erste transzendierende Abendmahlsmotiv scharf, satt und ausdrucksgeladen - nicht langsamer, aber doch entschieden lauter, als es Pierre Boulez nahm, nämlich mindestens mezzoforte - aus dem Graben aufkeimt, ist klar: musikalisch wird es diesem Winter-"Parsifal" wärmer werden als dem im Sommer.

          Unerhört farbenintensiv

          Die tiefen, langen "Parsifal"-Pausen und die unzähligen, willkürlichen Fermaten, mit denen Richard Wagner in diesem spätesten Werk einen Zustand der Zeit- und Bewegungslosigkeit überhaupt erst bewerkstelligte, werden von Daniel Barenboim fließend im Spannungsbogen überbrückt, ausgefüllt mit einem durchlaufenden Puls: Erst so erweist sich die Länge einer Generalpause als wahre Zerreißprobe.

          Für Boulez waren just dies die Stellen gewesen, an denen er sein analytisches Skalpell ansetzte. Man hört außerdem in Barenboims souverän ausgesungenem, durchgeatmeten "Parsifal"-Dirigat überdeutlich, wie unerhört farbenintensiv und vor allem holzbläserlastig diese Partitur ist.

          Es bleibt kein Wunsch offen

          Die Staatskapelle Berlin zieht alle Register. Sie erweist sich, nach zwei Unschärfen und Nervositäts-Hörnerwacklern zu Beginn, wiederum als jenes kompakt-bewegliche und bestens ausbalancierte, ideale Sängerbegleitorchester, als welches sie bereits zum zweiten Mal zum "Opernorchester des Jahres" gewählt worden ist. Aber auch, was die sogenannte "kammermusikalische" Transparenz anbelangt, bleibt kein Wunsch offen.

          Barenboim und Boulez liegen offenbar stilistisch nicht so weit auseinander, wie oft behauptet. Wer die beiden vergleichen will, hat dazu nun bei den Lindenoper-Festtagen - die sowohl Boulez als auch Barenboim am Pult sowohl der Staatskapelle wie des Chicago-Symphony-Orchesters präsentieren - Gelegenheit.

          Metallische Durchschlagskraft

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