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Oper „Babylon“ in München : Fette Zeiten in alten Städten

Babylonischer Budenzauber von La Fura dels Baus in München Bild: Ursula Kaufmann

New York? Babel? In München wird bei der neuen Oper von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk an nichts gespart und tief empfundene Affekte mit frechem Witz gesprenkelt.

          Schon wieder geht die zivilisierte Welt unter. Pardauz, fallen die Styropormauern um. Feuerchen lichtorgeln auf Videowänden, Tierhörner tuten, ein schwarzer Skorpion stolpert durch apokalyptisch qualmende Trümmer, er liest uns was vor aus den Büchern der Propheten. Seine Stimme tönt hohl, sie trägt erstaunlich weit für einen Countertenor.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Sänger, Kai Wessel, ist mikrophoniert, auch werden ihm Rumpf und Schwanz recht zierlich hinterhergetragen von drei Tänzern in schwarzen Strumpfhosen. Kabel, Strumpfhosen, Lichteffekte, Styropor: Sollte das etwa ein Musical sein? Doch schon baut sich ein hundertköpfiger Profichor an der Rampe auf, und wir finden uns wieder in einem Orff-Oratorium: „O Fortuna!“, schallt es achtstimmig in verrutschtem, metrisch aber wohlgeordnetem Choral-Moll. Ach nein, wir haben uns verhört, die Übertitelung zeigt es in Keilschrift korrekt an, sie singen: „Babylon!“

          Jugendfreie Bildungsbürger-Revue

          So heißt diese neue Superoper, die als Auftragswerk des Nationaltheaters am Samstag in München zur Uraufführung kam. Kein kommerzielles Klon-Musical aus den Neunzigern, vielmehr abendfüllend, Katharsis einfordernd, aufgeladen mit Botschaft und Bedeutung. Peter Sloterdijk schrieb das Libretto, befragte die Bibel ebenso wie nahöstliche Mären und Mythen, Archäologen und Wissenschaftler, und stopfte alles hinein, was das Image eines urbanen Sündenpfuhls ein bisschen aufbessern kann. Die Oper erzählt exemplarisch vom Aufstieg und Fall der alten mesopotamischen Stadt Babylon.

          Sie könnte auch „New York“ oder „Gotham City“ heißen. Oder „Mahagonny“. Und das hohe Paar, um dessen Rettung es geht und das seinerseits am Ende zur Rettung der Welt in einer Raumkapsel in die Umlaufbahn geschossen wird, in eine bessere Zukunft, das könnte, statt (babylonisch) Innana und (israelisch) Tammu, auch ganz anders heißen: Pamina und Tamino, zum Beispiel, oder Orpheus und Eurydike. Andere haben aus solchen Stoffen Opern gebaut, Sloterdijk macht eine pointenverliebte Bildungsbürger-Revue daraus, mit Naturkatastrophe und Menschenopfer, mit einer Affenbande, die über geklaute Kokosnüsse klagt, und mit einem Genitalien-Ballett, bei dem Regisseur und Bühnenbildner Carlus Padrissa sowie seine Truppe La Fura dels Baus streng darauf achten, dass immer alles hübsch jugendfrei in luxuriöse, transparente Plastik verpackt ist.

          Von babylonischer Sprachverirrung

          Am Ende wird nicht nur Babel, Gott und die Welt in letzter Sekunde vor dem Untergang gerettet, nein, der gesamte Sonnenkreis, das Universum, verdankt sein Überleben der lauteren Liebe des hohen Paars. Nicht ganz neu, die Idee. Aber sie funktioniert. Schon Schikaneder hatte damit Erfolg. Er hatte allerdings Mozart.

          Sloterdijk kann froh sein: Er hat Jörg Widmann. Der ist gerade erst neununddreißig und schon ein alter Meister. Dieser fröhliche Beherrscher aller polystilistischen Wundertüten könnte noch das großmäuligste Monsterlibretti vergolden. Alsbald spreizen sich die „Babylon“-Chorstimmen auf ins Vierzehnstimmige, dann ins Zwanzigstimmige, die Sache wuchert weiter zu einem kontrapunktisch verkeilten Turba-Chor, einer wahrhaft babylonischen Ton- und Sprachverwirrung, von der Orff nicht mal zu träumen gewagt hätte.

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