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Oper „American Lulu“ in Berlin : Landschaft mit Berg und Blues

  • -Aktualisiert am

Marisol Montalvo als Lulu und Claudio Otelli als Dr. Bloom in Olga Neuwirths Oper in Berlin Bild: dpa

Mit und gegen Alban Berg: Olga Neuwirths neue Oper „American Lulu“ in der Komischen Oper Berlin ist ein Fest voller Freude an Lärm und Leben.

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          Es glitzert auf der Bühne der Komischen Oper Berlin. Eine Frau trägt Strass und Straußenfedern, aus dem Off hört man Worte von Martin Luther King über das „Vermächtnis von Sklaverei und Rassentrennung“. Ein russischer Regisseur, Kirill Serebrennikov, hat diese Uraufführung der „American Lulu“ der österreichischen Komponistin Olga Neuwirth in Szene gesetzt.

          Fast fünf Jahre hat Neuwirth an dieser Lesart von Alban Bergs 1937 in Zürich uraufgeführter Oper „Lulu“ gearbeitet, hat die Erzählfolge umgestellt und Schnitte angebracht (die der Videokünstler Gonduras Jitomirsky mit Projektionen überspielt), hat den ersten und zweiten Akt neu instrumentiert für Jazzorchester und wabernde Kinoorgel, und sie hat Bergs unvollendeten dritten Akt neu vertont. Das Ganze wird auf Englisch dargeboten, eine heitere Volte ist das für die Komische Oper, die sich jahrzehntelang zäh darum bemüht hat, die Sprachbarrieren niedrig zu halten.

          Zur Umarbeitung des „Lulu“-Stoffes wurde Neuwirth angeregt durch eine frühere Zusammenarbeit mit dem afrokanadischen Videokünstler Stan Douglas, mit dem dann im Vorfeld ein Rechtsstreit um Urheberfragen anhob, der erst kurz vor der Premiere zugunsten Neuwirths entschieden wurde. Sehr gewissenhaft hingegen, geradezu seminararbeitsklar erklärte sich Neuwirth zu allen weiteren Anregungen: Als Kind habe sie Otto Premingers amerikanisierte „Carmen“-Verfilmung von 1954 gesehen; bereits Berg habe die erzählte Zeit in der Theater-Vorlage von Frank Wedekind in seine Gegenwart verlegt; überdies bringe auch Berg in seiner „Lulu“ immer wieder Jazz-Musik ein.

          Edelprostituierte mit Männergeschichten

          Neuwirths Lulu ist aber nicht mehr die abendländische „Allzerstörerin“ (Karl Kraus), mit deren Geschichte das Theater „die Affensprünge der Welt“ (Frank Wedekind) zu zeigen vermag, nicht mehr der Mittelpunkt eines Netzes aggressiv geladener Beziehungen. Sie ist eine Frau, die weit weggezogen ist aus der „deutschen Großstadt, Paris und London, in den zwanziger Jahren“ in das Amerika der Fünfziger bis Siebziger, wo sie zur Edelprostituierten aufsteigt und einerseits ihre Männergeschichten bewältigen, andererseits mit den Auswirkungen der Segregation zurechtkommen muss.

          Die mit ihrer Rolle fabelhaft identifizierte, die Barbie-Verkleidungen (Unterwäsche, Negligé, Kostüm) spielfreudig wechselnde Marisol Montalvo als Lulu ist in dieser Produktion demnach dunkelhäutig, genauso wie Jacques-Greg Belobo als Clarence (vormals Schigolch) oder Della Miles als Eleanor (vormals Gräfin Geschwitz). Insbesondere für Eleanor und Clarence schreibt Neuwirth eine Musik, die auf fast rührende Weise mit Versatzstücken afroamerikanischer Stile spielt: wunderlich die große Gestik, der pantoffelige Gang von Clarence, dessen Ragtime-Rhythmen Belobo mit behäbigem Bass gibt; aber auch die fragile, würdevoll auftretende Eleanor mit großer Afro-Perücke, der Della Miles ein angerauhtes Timbre leiht.

          Regisseur Serebrennikov, der in Personalunion auch Bühne und Kostüme betreute, stellt derweil eine Edward Hoppers „Nighthawks“ nachempfundene Bar auf die Bühne, die mit einer Vielzahl von Kleindarstellern und Handlungsornamenten gefüllt wird. Glitzer trifft also auf Glamour, Geschlechterkampf auf Rassentrennung, darüber tönt Neuwirths Sinn für das Zusammensetzen entlegener Idiome, ihre Freude an Lärm und Leben: Es wird ein lauter Abend daraus, nicht nur, weil die Sänger sich mit Mikroports gegen das gleichwohl allzu dominante Orchester unter Johannes Kalitzke durchsetzen müssen.

          Szenen wie das Duett zwischen Lulu und Jimmy (Alwa), in dem Rolf Romei mit strahlendem Tenor an Montalvos Seite tritt, verlieren zwar auch in der Neubearbeitung nichts von ihrer Faszination, ein Sängerdarsteller wie Claudio Otelli (Dr.Bloom/Dr.Schön) kann seine schöne Stimme in Original und Kopie gleichermaßen zur Geltung bringen. Doch reduziert Neuwirths neue „Lulu“ Bergs schäumend intensive Musik, sie nimmt dem Original durch den Abbau der Instrumentenzahl sein Farbenspektrum, verwandelt das in Libretto und musikalischer Struktur angelegte Hochgebirge an Emotionen, Wünschen, Projektionen in ein Landschaftsbild, in dem das Außen eins zu eins vom Innen spricht.

          Besonders deutlich wird dies im Dialog zwischen Lulu und Eleanor, ein catfight zwischen zwei vormaligen Freundinnen und klanglich ein schönes Beispiel für Neuwirths Art, die Musik „kariert“ zu setzen und Berg und Blues, alte und neue Musiksprache zu verbinden. So bleibt das Interessanteste an dieser Premiere, die vor leider nicht ganz ausverkauftem Haus stattfand, die Sympathie, die ihr beim Schlussapplaus entgegenschlägt: eine Anerkennung für das Ensemble, eine Verbeugung vor Neuwirths Mut und vor der Sinnlichkeit ihrer Musik.

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