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Reese inszeniert Bernhard : Fastfood auf dem Theater

Gleich dreimal Murau auf der Bühne: Wolfgang Michael, Udo Samel und Martin Zauner (von links) in Thomas Bernhards „Auslöschung“. Bild: Sepp Gallauer

Eine Figur, vier Schauspieler: Oliver Reese bringt in Wien am Theater in der Josefstadt Thomas Bernhards letzten Roman zur Aufführung. Aus dem Textgebirge der „Auslöschung“ macht er ein Stück zum Mitnehmen.

          3 Min.

          Eben noch wurde Hochzeit gefeiert auf Schloss Wolfsegg, und nun das: Zwei Tage nach seiner Rückkehr nach Rom erhält der Privatgelehrte Franz-Josef Murau ein Telegramm: „Eltern und Johannes tödlich verunglückt. Caecilia, Amalia“. Eine Rückkehr in die ihm verhasste österreichische Heimat ist für den fassungslosen Murau nun unabwendbar geworden. So weit die Ausgangssituation des 1986 erschienenen letzten Romans von Thomas Bernhard mit dem programmatischen Titel „Auslöschung“.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Schon vor dreißig Jahren gab es die Frage nach dem Rang dieser sechshundertfünfzigseitigen Suada – Krönung des Werkes, oder dieses doch nur einmal mehr zusammengekehrt und übersteigert, was ohnehin als Markenzeichen seiner Prosa bekannt war? Drei Jahre später war Bernhard tot, hatte sich, wie sein Protagonist und Ich-Erzähler Murau schreibend ausgelöscht, nur um als ewiger Sargnagel der Gemütlichkeit wieder aufzustehen.

          Auf der vierfachen Suche nach der Murau-Identität

          Nun kann man diesem Murau auf der Bühne der Josefstadt gleich in vierfacher Ausführung wieder begegnen, indem man ihn sich – in der Reihe des Auftretens – von Christian Nickel, Martin Zauner, Udo Samel und Wolfgang Michael vorspielen lässt. Alle vier sind Murau, tragen die gleichen lindgrünen Anzüge und sind doch nicht ein und dieselbe Person. Vier Schauspieler suchen die Murau-Identität, den geschädigten Außenseiter, der sich nach eigener Einschätzung aus dem katholisch-nationalsozialistischen Elternhauskerker befreit hat, indem er in die Welt des Geistes flüchtete.

          Die Mutter, eine Nazistin, hat jahrzehntelang ein Verhältnis mit dem eleganten römischen Erzbischof Spadolini. Ihren Mann unterdrückt sie, die Töchter hat sie zu Marionetten einer bigotten Wohlanständigkeit erzogen. Den Vater schildert Murau so: „Wenn mein Vater die Wahl hätte zwischen der Gesellschaft Kants und eines in Ried im Innkreis, einem berühmten Viehmarkt, prämierten Mastschweines, hatte ich zu Gambetti gesagt, er entschiede sich augenblicklich für das letztere.“

          Oliver Reese, Intendant des Schauspiels Frankfurt, hat Erfahrung mit Bernhard: Vor drei Jahren brachte er die fünf autobiographischen Romane auf seine heimische Bühne. In Wien macht er aus diesem Textgebirge in knapp zweieinhalb Stunden einen Bernhard zum Mitnehmen, Fastfood auf dem Theater – es bleibt ihm ja auch gar nichts anderes übrig, als massiv zu streichen. Das beginnt damit, dass der stets als Adressat von Muraus Einlassungen erwähnte Schüler Gambetti nie recht verständlich wird, weil die Passagen, in denen das Verhältnis von Murau und Gambetti geschildert wird, gar nicht vorkommen.

          Hüpfende, hustende Schwestern im Dirndl

          Ebenso geopfert hat Reese die Figur der Maria, mit der Thomas Bernhard der Dichterin Ingeborg Bachmann ein Denkmal setzte. Stattdessen konzentriert er sich auf die Binnengeschichte der Familie und auf Muraus Einsicht, er könne „die Seinigen nicht einfach abschaffen“, nur weil er es wolle. Der Verkehrsunfall, der Eltern und Bruder ums Leben brachte, spielt ihm dennoch in die Hände – er ist nun der Herr auf Wolfsegg. Am Ende wird er Schicksal spielen und das Schloss der Israelitischen Gemeinde in Wien schenken.

          Gespielt wird das im ersten Durchgang vor dem roten Vorhang, mit minimalen Requisiten und punktuellem Musikeinsatz vom Band. Christian Nickel ist der jüngste Murau-Darsteller, ein in seiner Verzweiflung sehr energetischer, forcierter Sohn und Bruder, die Mürbheit, der Selbstzweifel des römischen Gelehrten gerät ihm zum Frontalunterricht. Als Nummer zwei tritt Martin Zauner auf, ein ganz famoser Komödiant, bauernschlaues Pokerface, die Hände in den Taschen geballt. Er arbeitet sich mit kalter Verachtung an dem ihm unlängst zugefallenen Schwager, einem „Weinflaschenstöpselfabrikanten“ aus dem Badischen, ab.

          Gegenüberstellung seiner selbst: Wolfgang Michael (links) und Udo Samel als doppelter Murau.

          Nummer drei ist Udo Samel, der sich als Onkel Georg einführt, als derjenige, der dem Neffen den Weg in die Geisteswelt wies, ihn aber auch vor dem Höchstpreis, den er dafür zu zahlen haben werde, warnte. Samel zieht versiert die Register des Komödiantischen, haut die Pointen raus, wie es ihm gefällt. Zusammen mit Christian Nickel gibt er die drolligste Einlage: In Dirndlkleidern und mit Kropfbändern um den Hals spielen sie einen kurzen Moment die stets hüpfenden und hustenden Schwestern Caecilia und Amalia. Die Nummer vier, Wolfgang Michael, ist schon physiognomisch die exzentrischste Figur, mit schnappklappendem Unterkiefer und zu Schlitzen verengten Augen gibt er den Zumutungsdarsteller.

          Das Ehe-Ja als Vorstufe zum Ehe-Joch

          Oliver Reese schickt die vier Stimmen ein und derselben Person in wechselnden Konstellationen auf die Bühne, die Hansjörg Hartung nach der Pause mit überhohen, stilisierten Brennholzstapeln ausgekleidet hat. Dort kreisen sie umeinander, legen ein ums andere Mal beschwichtigend die Hand auf die Schulter des anderen, schlagen sich auf die Finger, geifern, keckern, höhnen, spucken und ertrinken doch beinahe in den Abgründen dieser Selbsttherapie, aus der es kein Entkommen gibt. Nicht ein Gollum, der hier mit sich selbst spricht, gleich vier.

          Die unfreiwillig schönste Szene der Premiere trägt sich zu, als Martin Zauner über das Ehe-Ja als Vorstufe zum Ehe-Joch doziert – dass man heirate, „um sich zu vernichten“ –, als einer Dame im Parkett ein so tiefer und mitfühlender Seufzer der Zustimmung entfährt, dass das Publikum mit einer Lachsalve reagiert. Zum Lachen ist Bernhard eben immer auch, und das hat der Regisseur inmitten dieser Auslöschungsphantasien herausgearbeitet, indem er dem Text Luft gibt, Pausen setzt.

          Und so kommt es – möglicherweise ungewollt – immer wieder zu Situationen, in denen die Haltbarkeit des Textes Risse bekommt, denn viele der Maximalanwürfe, die Thomas Bernhard vor dreißig Jahren seinen Landsleuten an den Kopf warf, dürften einer nachgewachsenen Generation nicht mehr einleuchten. Aber dass ein Begräbnis in diesem Land aus inszenatorischer Sicht jederzeit einer Hochzeit vorzuziehen ist, das gilt auch heute noch – nimmt man die Freundlichkeit des Applauses als Gradmesser.

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