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Reese inszeniert Bernhard : Fastfood auf dem Theater

Gespielt wird das im ersten Durchgang vor dem roten Vorhang, mit minimalen Requisiten und punktuellem Musikeinsatz vom Band. Christian Nickel ist der jüngste Murau-Darsteller, ein in seiner Verzweiflung sehr energetischer, forcierter Sohn und Bruder, die Mürbheit, der Selbstzweifel des römischen Gelehrten gerät ihm zum Frontalunterricht. Als Nummer zwei tritt Martin Zauner auf, ein ganz famoser Komödiant, bauernschlaues Pokerface, die Hände in den Taschen geballt. Er arbeitet sich mit kalter Verachtung an dem ihm unlängst zugefallenen Schwager, einem „Weinflaschenstöpselfabrikanten“ aus dem Badischen, ab.

Gegenüberstellung seiner selbst: Wolfgang Michael (links) und Udo Samel als doppelter Murau.

Nummer drei ist Udo Samel, der sich als Onkel Georg einführt, als derjenige, der dem Neffen den Weg in die Geisteswelt wies, ihn aber auch vor dem Höchstpreis, den er dafür zu zahlen haben werde, warnte. Samel zieht versiert die Register des Komödiantischen, haut die Pointen raus, wie es ihm gefällt. Zusammen mit Christian Nickel gibt er die drolligste Einlage: In Dirndlkleidern und mit Kropfbändern um den Hals spielen sie einen kurzen Moment die stets hüpfenden und hustenden Schwestern Caecilia und Amalia. Die Nummer vier, Wolfgang Michael, ist schon physiognomisch die exzentrischste Figur, mit schnappklappendem Unterkiefer und zu Schlitzen verengten Augen gibt er den Zumutungsdarsteller.

Das Ehe-Ja als Vorstufe zum Ehe-Joch

Oliver Reese schickt die vier Stimmen ein und derselben Person in wechselnden Konstellationen auf die Bühne, die Hansjörg Hartung nach der Pause mit überhohen, stilisierten Brennholzstapeln ausgekleidet hat. Dort kreisen sie umeinander, legen ein ums andere Mal beschwichtigend die Hand auf die Schulter des anderen, schlagen sich auf die Finger, geifern, keckern, höhnen, spucken und ertrinken doch beinahe in den Abgründen dieser Selbsttherapie, aus der es kein Entkommen gibt. Nicht ein Gollum, der hier mit sich selbst spricht, gleich vier.

Die unfreiwillig schönste Szene der Premiere trägt sich zu, als Martin Zauner über das Ehe-Ja als Vorstufe zum Ehe-Joch doziert – dass man heirate, „um sich zu vernichten“ –, als einer Dame im Parkett ein so tiefer und mitfühlender Seufzer der Zustimmung entfährt, dass das Publikum mit einer Lachsalve reagiert. Zum Lachen ist Bernhard eben immer auch, und das hat der Regisseur inmitten dieser Auslöschungsphantasien herausgearbeitet, indem er dem Text Luft gibt, Pausen setzt.

Und so kommt es – möglicherweise ungewollt – immer wieder zu Situationen, in denen die Haltbarkeit des Textes Risse bekommt, denn viele der Maximalanwürfe, die Thomas Bernhard vor dreißig Jahren seinen Landsleuten an den Kopf warf, dürften einer nachgewachsenen Generation nicht mehr einleuchten. Aber dass ein Begräbnis in diesem Land aus inszenatorischer Sicht jederzeit einer Hochzeit vorzuziehen ist, das gilt auch heute noch – nimmt man die Freundlichkeit des Applauses als Gradmesser.

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