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Oliver Messiaen : Obwohl man nicht rückwärts hören kann

  • Aktualisiert am

Oliver Messiaen Bild: ASSOCIATED PRESS

In diesem Jahr hätte der große französische Komponist Olivier Messiaen seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Gespräch mit seinen prominenten Schülern Pierre Boulez und George Benjamin über die Meisterschaft des Analysierens, die Inspiration durch Vogelstimmen und blaue und orange Akkorde.

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          In diesem Jahr hätte der große französische Komponist Olivier Messiaenseinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Gespräch mit seinen prominenten Schülern Pierre Boulez und George Benjamin über die Meisterschaft des Analysierens, die Inspiration durch Vogelstimmen und blaue und orange Akkorde.

          Herr Boulez, warum gilt Messiaens Unterricht bis heute als legendär?

          Pierre Boulez: Das hat sicher mit seinem eigenständigen, unangepassten Denken zu tun. Als ich bei ihm studierte, war er noch nicht so berühmt, aber schon damals galt er als eine starke Persönlichkeit in der französischen Musiklandschaft. Seine Unterrichtsmethoden waren absolut ungewöhnlich. Zum meinen frühen Eindrücken gehört seine Analyse von „Ma Mère l'Oye“ von Ravel, überhaupt kein avantgardistisches Stück. Zuerst sprach er über die Textquellen, dann analysierte er die Musik, die vierhändige Version für Klavier und die Orchesterversion. Da wurde mir zum ersten Mal klar, was Komponieren bedeutet und wie man mit dem Klang umgeht.

          Ein Komponist wider die Gewohnheit: Pierre Boulez

          George Benjamin: Meine Erfahrungen waren ähnlich. „Pelléas et Mélisande“ von Debussy analysierte er sechs Wochen lang mit einer Sensibilität und einer Aufmerksamkeit für das kleinste Detail, die einfach packend waren. Für mich war das ein einzigartiges Erlebnis. Und dann seine viel zitierte Naivität und seine Bereitschaft zu staunen: Er fühlte wie ein sehr junger Mensch - wie jemand in meinem Alter damals. Ich war ja gerade erst sechzehn, als ich bei ihm zu studieren begann. Seine Begeisterungsfähigkeit, seine Neugierde und seine Liebe zur Musik waren ansteckend. Der Unterricht bereitete uns allen eine große Freude.

          Welches waren die Schwerpunkte seines Unterrichts?

          Boulez: Die deutsche Musik war nicht unbedingt seine Sache. Er war großartig, wenn es um Strawinsky, Ravel oder Debussy ging, und es gelang ihm stets, die Fantasie der Studenten anzuregen. Doch was die deutsch-österreichische Tradition anging, so hatte er einfach keinen rechten Zugang zu ihr.

          Änderte er später seine Haltung?

          Benjamin: Sein Unterricht war zu meiner Zeit sehr breit angelegt. Er sprach über außereuropäische Musik, viel über Rhythmus, Klangfarben und Instrumente, ebenso über Kompositionen seiner früheren Studenten wie Boulez, Stockhausen, Xenakis, sogar Murail. Auch andere Zeitgenossen wie Lutoslawski oder Ligeti wurden behandelt. Doch für Strauss und Mahler, die ich damals bewunderte, hatte er wenig übrig. Einmal spielte ich ihm den Schlussteil vom „Lied von der Erde“ vor, und das Einzige, was er sagte, war: „Wie der Schluss von ,Tristan', aber nicht so gut harmonisiert.“

          Und Schönberg?

          Benjamin: Den mochte er überhaupt nicht. Berg schon, bei ihm fühlte er sich von der Ausdruckswelt und der Harmonik angesprochen. Weberns Musik respektierte er, aber sie war ihm letztlich fremd. Im Rückblick vermisse ich ein wenig, dass er mir nicht mehr über Polyphonie und Kontrapunkt beigebracht hat. Aber das hatte wohl mit seinem mangelnden Interesse an der deutschen Tradition zu tun. So setzten wir die Dinge einfach intuitiv übereinander; wir hatten kein kontrapunktisches Bewusstsein.

          Boulez: Er selbst hat in Blöcken komponiert, ähnlich wie Strawinsky, aber Strawinskys Methoden waren raffinierter. Das erste Bild von „Petruschka“ zum Beispiel ist wie ein Mosaik: blau, grün, rot, blau, rot, grün und so weiter. Bei Strawinsky ist der Wechsel der Motive zugleich erkennbar und unberechenbar. Bei Messiaen ist er erkennbar und berechenbar. Interessanter fand ich seine allgemeinen Ideen über die Zeit, etwa den Gedanken der Symmetrie. Obwohl man natürlich nicht rückwärts hören kann. Andererseits verlangte er aber immer die Kontrolle durch das Ohr. Das Schlimmste, was er in die Partitur eines Schülers schreiben konnte, war: „Pas entend“ - „nicht gehört“.

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