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Tanztheater in Wuppertal : Da fehlt nur noch die Adilette

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Polyphonie, mit Körpern verbildlicht: „The Lighters. Dancehall Polyphony“ von Cecilia Bengolea und François Chaignaud. Bild: Detlef Erler

Es ist wohl die wichtigste Tanzpremiere der Saison: Sechs Jahre nach dem Tod von Pina Bausch zeigt das Tanztheater Wuppertal neue Stücke. An dem ersten Abend, der kein Werk der Prinzipalin enthält, ist sie dennoch omnipräsent.

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          Der Schock nach dem plötzlichen Ableben war so groß, dass sich die Compagnie erst einmal sammeln musste, bevor man sich gemeinsam an neue Werke wagen wollte. Auch wenn die Kritiker immer wieder fragten, wann es denn nun endlich so weit sein würde, ließen sich die Verantwortlichen nicht aus der Ruhe bringen. Es gibt wahrlich einfachere Aufgaben, als einen oder gleich mehrere neue Choreographen auszuwählen, deren Arbeiten sich an denen der großen Erneuerin des Tanzes messen lassen müssen. Das Leitungsteam wollte auf Nummer Sicher gehen und ließ sich von einem künstlerischen Beirat beraten. Schließlich durften Theo Clinkard, Cecilia Bengolea mit François Chaignaud und Tim Etchells neue Stücke für das Tanztheater Wuppertal schaffen. So verschieden sie sind, alle nähern sich der Meisterin auf Knien und bauen artig Reverenzen ein.

          Theo Clinkard versammelt in seinem Eröffnungsstück „Somewhat still when seen from above“ Momente des Suchens und Experimentierens, wenn er die Tänzerinnen und Tänzer in Trainingskleidung Positionen und erste Schritte ausprobieren lässt. Kurz findet sich die Compagnie zu Gruppenszenen, dann löst sie sich wieder auf und Paare arbeiten an ihren Haltungen, stützen sich, korrigieren und formen um. Alles wirkt wie zufällig auf der Probenbühne beobachtet, luftig und leicht, häufig von der Melancholie der Einsamkeit umhaucht. Ab und an steigen Bühnenarbeiter auf hohe Leitern und blasen Nebel auf die Bühne. Ließe sich doch der Geist der so anwesend Abwesenden einfach im Raum verteilen! Aber mehr als eine charmante Fingerübung gelingt Clinkard nicht, zu groß ist der Respekt vor Pina Bausch, zu angestrengt baut er Elemente ein, die ihre Arbeit zitieren, wie etwa einen sich stets auflösenden und wieder erneuernden Kreis von Menschen.

          So schlicht tanzt man in Wuppertal das Stück „The Lighters. Dancehall Polyphony“.
          So schlicht tanzt man in Wuppertal das Stück „The Lighters. Dancehall Polyphony“. : Bild: Detlef Erler

          Ansprechende Szenen ohne Verknüpfung

          Die Brandmauer stellt in allen drei Stücken des Abends die wichtigste Kulisse dar, der derzeitige öde Bühnentrend hat sich nun leider auch in Wuppertal durchgesetzt. Was gab es hier schon für wunderbare Bühnenbilder zu sehen, bewachsene grüne Wände, über die Wasser lief, ein Boden, der schollenförmig aufriss, Nelken, so weit man blicken konnte. Auch die Kleider der Frauen bezauberten mit ihren schönen Formen und Farben. Pina Bauschs Arbeiten waren immer ein sinnliches Vergnügen, sie feierte die Schönheit der Frauen, der Natur. Jetzt wird auch hier in den Altkleidersack gegriffen, es fehlte nur die eigentlich unverzichtbare Adilette. Erstaunlich: Je einfallsloser die Kostüme und Bühnenbilder ausfallen, desto größer sind die Ausstattungsteams. Theo Clinkard hat sich von Rike Zöllner bei der Auswahl der Trainingskleidung helfen lassen, diese unterstützte dann auch noch Cecilia Bengolea und François Chaignaud für deren Stück „The Lighters. Dancehall Polyphony“. Hier kommt ein Mann im Korsett und mit schwarzen Latexstrümpfen auf die Bühne, zwei andere tragen Ganzkörpertrikots in Hellblau und Rosa, eine ältere Tänzerin ein Sommerkleid in Rot.

          Die Choreographen des Abends: François Chaignaud und Cecilia Bengolea, Tim Etchells und Theo Clinkard (von links).
          Die Choreographen des Abends: François Chaignaud und Cecilia Bengolea, Tim Etchells und Theo Clinkard (von links). : Bild: dpa

          Das Stück beginnt wildbewegt, einzelne Männer und Frauen brillieren mit einer Mischung aus Dubsteps und jamaikanischem Dancefloor, die schon an Akrobatik grenzt und die Bewegungssprache des Wuppertaler Tanztheaters an unsere Zeit heranführt. Das sieht dann schneller, wilder, auch vulgärer aus, wenn der Po aufreizend wackelt und die Beine im Kopfstand auf und zu gehen. Tänzerisch ist die Wuppertaler Compagnie auch mit den Neuzugängen, in dieser Saison kamen sechs Mitglieder dazu, in der vergangenen drei, sehr gut aufgestellt. Bengolea/Chaignaud setzen an diesem Abend am stärksten auf den Tanz, sie arbeiten auch mit Kontrasten, etwa wenn die Tänzer bei Kerzenlicht versonnen auf dem Boden sitzend singen, was sie ebenfalls recht gut hinkriegen. Den beiden Choreographen gelingen durchaus ansprechende Szenen, nur schaffen sie es nicht, sie inhaltlich sinnvoll zu verknüpfen. Dieses Manko war schon unübersehbar in „Devoted“, das sie in diesem Jahr für das Ballet de Lorraine schufen. Es beginnt im Stile von Lucinda Childs und endet als Tabledance, ohne diesen erstaunlichen Weg auch nur irgendwie plausibel zu machen.

          Imitat ohne eigene Handschrift

          Da ist Tim Etchells ein anderes Kaliber, die Arbeiten des Künstlers, Schriftstellers und Performers des Ensembles „Forced Entertainment“ sind stringenter, durchdachter. Mit einer Szene, wie sie Pina Bausch nicht schöner hätte inszenieren können, eröffnet er seinen Beitrag „In Terms of Time“. Zu rotziger Ska-Musik balancieren die Männer und Frauen meterlange Stapel von Plastikbechern, die schließlich umfallen und den ganzen Boden bedecken. Etchells hat sich den absurden Humor Pina Bauschs anverwandelt: Da fegen die Akteure mit großen Besen die Bühne, kreuz und quer und ohne System, so dass sich die erwünschte Ordnung nie einstellt. Eine Frau läuft mit einem Feuerlöscher im Arm herum und lässt ein Feuerzeug aufflammen, ein Mann versucht Kontakt zu einer Frau aufzunehmen, die ihn mit angestrengtem Desinteresse missachtet. Als er es aufgegeben hat, verschanzt sie sich hinter einer Zimmerpflanze und fragt „Can you see me?“. Zu spät. Eine dunkelhäutige Tänzerin bestäubt sich mit Puderzucker und leckt sich ab.

          „The Lighters. Dancehall Polyphony“
          „The Lighters. Dancehall Polyphony“ : Bild: Bo Lahola

          Das ist alles ganz witzig, aber ohne eigene Handschrift und bloß Imitat. Für die erste Premiere nach Pina Bausch mag es angehen, so zaghaft und ehrerbietig zu verfahren, auf Dauer bringt es die Compagnie nicht weiter. Wenn man von Bausch eines lernen kann, ist es, völlig unbeirrt den eigenen Weg zu gehen. In einem frühen Fernsehinterview antwortete die junge Choreographin auf die Frage, was sie von ihrem Lehrer Kurt Jooss gelernt habe: „eine gewisse Ehrlichkeit“. Man sah Jooss an, dass er dachte: „Mehr nicht?“ Diesen Mut, diese Rücksichtslosigkeit müssen die nächsten Choreographen mitbringen. Stücke im Stile von Pina Bausch braucht das Tanztheater Wuppertal nicht, es hat ja ihr Werk.

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