https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/offenbach-oper-in-hamburg-17524077.html

Offenbach-Oper in Hamburg : Du bist ja ein Automat!

  • -Aktualisiert am

Bernhard Hansky (in der Mitte liegend) als Schlémil, von gespenstisch-magischen Tauben umtanzt. Bild: Monika Rittershaus

Die Titelpartie in Jacques Offenbachs Oper "Les Contes d'Hoffmann" stellt höchste Ansprüche. Die Staatsoper Hamburg bietet jetzt mit dem Tenor Benjamin Bernheim den idealen Sänger dafür auf.

          3 Min.

          Liebe und Rausch in Zeiten der AHA-Regeln – wie lässt sich eine Oper auf die Bühne bringen, zu deren Beginn unsichtbare Geister des Bieres und des Weines als der Menschen Freunde auftreten? Eine Oper, worin der Erzähler drei Geschichten vom Wahn-Sinns-Rausch der Liebe erzählt: in Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ also? In seiner Hamburger Inszenierung, der vierten des Hauses seit 1981, verzichtet der Schweizer Theatermacher Daniele Finzi Pasca darauf, das Drama eines im Leben scheiternden und in die Kunst flüchtenden Künstlers psychologisch zu beschweren. Zum einhelligen Vergnügen des Publikums brachte er mit allen bunten Mitteln von Theaterzauber ein magisch-märchenhaftes Spektakel auf die Bühne.

          Hugo Gargiulo hat dafür auf der Bühne phantasmagorische Orte geschaffen: eine riesige Spieluhr, aus der Olympia heraustritt und ihr koloraturgespicktes Couplet darbietet; ein klaustrophobisch enges und hohes Turmzimmer, in dem die Sängerin Antonia das Leben preisgibt für die Kunst; endlich ein Venedig mit fantasievollen Bildern eines karnevalesken und käuflichen Rausches. Es sind elegische Bilder von Träumen, in denen die Figuren ihren hoch an Seilen durch die Szene schwebenden Doppelgängern begegnen wie im Märchen. Auch wenn einige der Figuren als Typen auftreten: Das Publikum zeigte sich froh, nicht den Fragen nach einem Regiekonzept ausgesetzt zu sein oder Rätsel dunkler Bildmetaphern lösen zu müssen.

          Noch froher über das Ensemble – und besonders begeistert von Benjamin Bernheim in der Titelpartie, aber auch von einigen Sängern der als „klein“ unterschätzten Rollen. Genannt sei besonders der Tenor Gideon Poppe in den vier Diener-Rollen. Das Couplet des Frantz im Antonia-Akt über die wahre Methode des Singens, gedacht als Parodie vokaler Prunksucht, geriet zu einem Chanson-Kabinettstück.

          Nicht alle Rollen überzeugten

          In der Doppelrolle von Nicklausse und Muse, der Begleiterin und Behüterin des seltsamen Heiligen, gelang es der amerikanischen Mezzosopranistin Angela Brower, der Arie „Vois sous l’archet frémissant“ einen hochgestimmten Hymnenton auf die Macht der Geige zu geben und zugleich den Unterton einer Warnung davor, dass die Musik Gefühle auch vortäuschen kann – dies nur ein Beispiel für die vielen Brechungen und Doppeldeutigkeiten der Musik.

          Über Frankreich zurück nach Deutschland: Die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, 1881 in Paris uraufgeführt, hier in einer Inszenierung der Hamburger Staatsoper.
          Über Frankreich zurück nach Deutschland: Die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, 1881 in Paris uraufgeführt, hier in einer Inszenierung der Hamburger Staatsoper. : Bild: dpa

          In den Rollen der teuflischen Widersacher konnte der italienische Bariton Luca Pisaroni die hoch gespannten Erwartungen allerdings nicht ganz erfüllen: Zum einen, weil er kostümiert war wie ein Schurke aus dem Grand Guignol und mit Vampir-Fingern wedeln musste, zum anderen, weil er in seinen Texten nicht den Ton traf, der seiner Selbstbeschreibung entspricht: Er habe „Geist wie ein Teufel“, der seine Klanggestalt bekommen muss, wenn er von den „Flammenaugen“ singt, die der Täuschung dienen. Von den Studenten nach seiner Liebsten gefragt, erwidert Hoffmann: „Ja, Stella . . . Drei Frauen in einer Frau! Künstlerin, Mädchen und Kurtisane.“

          Nur selten ist es einer Sängerin gelungen, sich in allen vier Partien – es sind Zerrbilder weiblicher Negativität – zu behaupten; die in der Lage war, die Sechzehntel-Koloraturketten und die Staccati der Arie der Olympia glitzern zu lassen oder den schwebenden Ton zu finden für Antonias Romanze und die lugubre Farbe für den Todeshauch, der in einem langen Triller ausklingt. In der hohen Lage klang der Sopran von Olga Peretyatko oftmals eckig, gleichsam hochdruck-scharf, im lyrischen Cantabile – etwa in der Romanze „Elle fui, la tourtelle“ – zwar runder und weicher, aber ohne seidigen Schimmer, dann in der Mezzo-Lage der Giulietta überfordert.

          Mit Benjamin Bernheim wurde für den Helden ein idealer Sänger gefunden. Mit sieben Arien und etlichen Szenen stellt die Partie des Hoffmann hohe Anforderungen, besonders dann, wenn es gilt, die Stimme ohne übertriebenen Druck durch die „Schraubenlagen“ zu führen. Im Molto-Lento-Abschnitt der Ballade vom Kleinzack, wenn der Erzähler sich in seinen Erinnerungen verliert, liegen lange Passagen in der Region des sogenannten Passaggio. Sie müssen in schlanker Fassung gesungen werden, nicht vollstimmen-schwer.

          Um nur wenige Details zu nennen: Wie zart-träumerisch das pianissimo gebildete Fis am Ende der Phrase „Le nom de la première était Olympia“; welch hell leuchtende Glut, wenn er, getäuscht durch die Brille, die Puppe erblickt und sich in den Liebestraum – „Ah! Vivre deux . . .“ – verrennt; welch Entsetzensschrei (ein blitzleuchtendes hohes B), wenn er erkennt, dass die Geliebte nur „un automate“ ist; wie wunderbar, dass er für das ekstatische Liebesduett mit Antonia („Ah! Tu doutes de tout“) mit der Halbstimme einen kosenden Klang findet, ebenso wie für die Reprise von „O Dieu, de quelle ivresse“. Kein Vorbehalt? Nur der, dass der Darsteller (noch) nicht so eindringlich aus sich herausgeht wie der Sänger.

          Wie für seine Aufnahme mit dem Orchester der Opéra National de Lyon hat Kent Nagano die von Michael Kaye und Jean Christoph Keck besorgte Edition verwendet. Dass das Hamburger Orchester, wegen der Abstandsregeln nicht voll besetzt, kleine Wackler nicht vermeiden konnte, ist nicht von Belang, nur fehlten die Anmut und der Esprit, die den Zauber von Offenbachs Musik ausmachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.