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„Ödipus“ in Hamburg : Barfuß kontra Schwellfuß

  • -Aktualisiert am

Karin Neuhäuser als Iokaste vor einem artig im Hintergrund bleibenden Chor Bild: dpa

Der tänzelnde Marsch des Fußlahmen ins Verhängnis: Am Hamburger Thalia Theater erzählt Dimiter Gotscheff die alte Tragödie um den unwissenden Vatermörder Ödipus in einer hellsichtig distanzierten Inszenierung neu.

          Das Geräusch ist nicht laut, aber so regelmäßig und grausam, dass es den Zuschauern im Hamburger Thalia Theater durch Mark und Bein geht. Dem Mann im blauen Pullover allerdings, der es auslöst, indem er mit seinen Schuhen auf den Boden klopft, dringt es unmittelbar durch Fleisch und Blut. Ödipus nämlich, der König von Theben, wurde von seinem Vater nach der Geburt wegen eines unheilverkündenden Orakelspruchs verstoßen und an den Füßen grob misshandelt, wohl damit das ausgesetzte Kind nicht aus dem Gebirge, in dem es sterben sollte, wegrennen könne.

          Ödipus indes überlebt durch das Mitleid eines Hirten und weiß von dieser Geschichte nichts, doch hat sie seine Statur nachhaltig geformt. Und verformt: Denn seine Füße bleiben verkrüppelt und zwingen dem übrigen Leib die qualvolle Not auf, ihnen Tag für Tag auf die Sprünge zu helfen. Der Mann aber hat gelernt, die Behinderung zu beherrschen und sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen.

          Mit dem Mut der Verzweiflung und der Kraft des Triumphators in eigener Sache zeigt der großartige Bernd Grawert freilich, wie oft dem „Schwellfuß“ genannten Unglücksgriechen jeder Schritt weh tun muss. Stöhnend und brüllend tritt er mit den Zehen des einen Fußes gegen die Ferse des anderen und treibt sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Sogar wenn er auf seinem Thron sitzt, einem schlichten quadratischen Hocker, hämmern die malträtierten Füße wie ein unbarmherziges Metronom auf die Erde und geben den subjektiven Takt für ein Verhängnis vor, das sich an ihm selbst erfüllen wird.

          Verhängnisvolle Offenbarung: Bibiana Beglau als Teiresias und Bernd Grawert als Ödipus

          Sinnlich-direkte Darstellung

          Ob überhaupt jemand und wer an dieser Konstellation Schuld trägt, was es mit dem Ödipus-Komplex auf sich haben könnte und wie viel Wahrheit den Menschen im Allgemeinen zugemutet werden kann, interessiert Dimiter Gotscheff in seiner kühlen, klaren, spielend schönen Inszenierung des „Ödipus, Tyrann“ von Sophokles in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin und in der Fassung Heiner Müllers kaum. Weder Argumente noch Reflexionen bestimmen den Ablauf dieser intensiven, formal nachdrücklichen Aufführung, sondern eine streng narrative Choreographie.

          Gotscheff lässt das vorzügliche, in jeweils mehreren Rollen eingesetzte Ensemble die alte Tragödie auf eine sehr physische und heutige Weise erzählen. Die Realität der Körper, wie etwa das nervöse Geklopfe des Ödipus, bringt das Geschehen und seine Hintergründe auf sinnlich-direkte Weise zum Ausdruck: etwa der von Patrycia Ziolkowska famos angeleitete siebenköpfige Chor, der sich dem Herrscher mal artig und korrekt präsentiert, dann hündisch devot andient, mal beklommen von der „Peeeest“ flüstert, unter der die Stadt leidet oder, von schlimmen Ahnungen verfolgt, kopflos über die leere Bühne rennt. Trefflich einstudiert, dabei nicht immer textverständlich betont Gotscheff eher die Sprachemphase und den Gestus des Sprechens als den Gehalt der Worte.

          Tanzender Schwellfuß

          Die energisch-beherzte Karin Neuhäuser als des Ödipus Gattin respektive Mutter ermuntert ihren Gatten respektive Sohn gurrend und gickelnd wie ein kleines Kind, wenn ihm das Gehen wieder einmal besonders schwer fällt. Und stürzt mitsamt dem Thronhocker einfach um, wenn die tragische Vorgeschichte allmählich ans Tageslicht kommt. Sie scheint nach einer Weile wie aus einem Albtraum zu erwachen, küsst Ödipus auf den Mund, raunt ihm „Du Armer, wüsstest nie du, wer du bist“ zu und entfernt sich summend und tänzelnd, um sich zu erhängen.

          Virtuos schreit Bibiana Beglau als blinder Seher Teiresias wie ein Raubvogel, bewegt sich mit hochgereckten Gliedmaßen auch so und steckt das Volk, also den Chor, mit ihrem aggressiven Stechschritt an. Vor den unerschrockenen Offenbarungen des Teiresias, die Vergangenheit und Gegenwart des Ödipus betreffend, fährt schließlich der giftgelbe Stoffsack, der im ziemlich dürftigen Bühnenbild von Mark Lammert wie eine Mischung aus Damokleskeule und Phallussymbol reichlich unmotiviert vom Plafond baumelt, verängstigt in den Hintergrund zurück.

          Außer Ödipus tragen alle Schwarz. Jeder zeigt dazu makellose nackte Füße, nur Ödipus versteckt seine in abgewetzten Schuhen. Tanzen jedoch kann er wie kein anderer: Während er noch glaubt, dass alles gut wird, weil ihm Oda Thormeyer als weinselig-fröhlicher Bote aus dem dritten Rang herunter freudige Nachrichten zuruft, dreht er sich wie das Urbild des Alexis Sorbas mit ausgestreckten Armen irrwitzig im Kreis. Das böse Ende kann er nicht aufhalten, bedeckt seinen Kopf mit dem Pullover und verschwindet ins Dunkel. Bibiana Beglau als Kreon stellt den Thronhocker vorsichtig auf und kauert sich, gekrümmt von Furcht und Schrecken, als nächster Regent darauf, aufkreischend wie Teiresias und gewarnt vielleicht durch ihn vor der Hybris. Der König ist tot, heißt das am Schluss in Gotscheffs hellsichtig distanzierter wie anrührender Inszenierung, es lebe der König - möglicherweise.

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