https://www.faz.net/-gqz-1cv

Oberammergauer Passionsspiele : Nicht sehen und doch glauben

  • -Aktualisiert am

Der Einzug in Jerusalem: Andreas Richter als Jesus Bild: AP

Die Eintrittskarten waren ein Geschenk zum Sechzigsten. Ich kam dann als Zweifelnder nach Oberammergau und ging im Innersten berührt: Wie ich die Passionsspiele erlebte, dem Trubel trotzte und die Hilftruppen des Herrn bewunderte.

          „Alle seien gegrüßt, die mit uns folgen dem Erlöser“, ruft der Erzähler ins Oberammergauer Festspielhaus und schließt erstmals auch mich mit ein. Ein guter Freund, der mir sonst Zigarren zum Geburtstag geschenkt hatte, wollte mich nicht länger mit dem Aufkleber „Rauchen kann tödlich sein“ beunruhigen und mir wohl gleichzeitig signalisieren, dass sich mein Blick langsam ins Jenseits richten solle. Dieses Jahr gab es als Geschenk zwei Karten für das „Oberammergauer Spiel von der Passion des Jesus von Nazareth“.

          Nicht, dass die Geschichte für mich neu gewesen wäre. Ich besaß bereits als Fünfjähriger eine bebilderte Kinderbibel und habe später als Vorbeter in der Kulmbacher St.-Hedwigs-Kirche die Leidensgeschichte zur Karwoche mehrfach ohne Versprecher und mit klarer Stimme vorgetragen. Meine Frau fand den Zeitpunkt auch passend. Ihre Befürchtung, dass wir bei der nächsten Aufführung in zehn Jahren eventuell über die Rollstuhlrampe einrollen würden, war nicht von der Hand zu weisen.

          Im demütigen Pilgermodus

          Nach dem leichten Champagner-Kater, ohne den man Bayreuth und Salzburg nicht übersteht, schaltete ich also auf demütigen Pilgermodus, reservierte für die dreistündige Pause das Ettaler Klosterstüberl, aber verkniff mir die Frechheit, den „Kinderteller Herodes“ vorzubestellen. Obwohl selbst die Heiden von „Spiegel Online“ in ihrer Rezension vor der aktuellen Inszenierung artig niedergekniet waren, richtete ich mich doch eher auf biederes Volkstheater mit entsprechend touristischer Vermarktung ein.

          Man will gar nicht glauben, dass er je etwas anderes tat, als den Erlöser zu spielen: Andreas Richter als Jesus

          Aber der liebe Gott sorgt immer noch dafür, dass Hochmut vor dem Fall kommt. Schon in der ersten Szene, als Jesus auf seinem Esel in Jerusalem einzog, wurde meine Sonnenbrille von innen feucht, und als er anfing, aus der Bergpredigt zu zitieren, musste mir meine Frau ihr einziges Tempotaschentuch rausrücken. Bei „La Traviata“ hat sie immer eine ganze Packung dabei.

          Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Es fällt mir oft schwer, an den allgegenwärtigen, dreieinigen Schöpfergott zu glauben, an die Hölle will ich nicht und an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel kann ich nicht glauben. Und dann kommt ein Oberammergauer in Jesuslatschen auf die Bühne, und es geht mir wie dem ungläubigen Thomas, der seine Finger in die Seite des Herrn legen darf.

          Mit der Zeit beruhigt sich der fromme Schauer, aber es bleibt ein großer Respekt vor Darstellung und Inszenierung. Judas ist dort eben nicht der feige Verräter, der seinen Herrn für dreißig Silberlinge verkauft, sondern ein Enttäuschter, einer, dem Befreiung versprochen wurde, der aber weiter unter der Knechtschaft der Römer leiden muss. Frustriert, will er die Dinge vorantreiben, indem er eine Konfrontation zwischen den konservativen Schriftgelehrten und dem Rebellen Jesus herstellt. Ans Kreuz liefern will er ihn nicht.

          Die eigenartige Bescheidenheit des Jesus-Darstellers

          In den Juden, die am Palmsonntag „Hosianna“ rufen und ein paar Tage später „Kreuzige ihn“, lässt sich das Verhalten unserer Gesellschaft sehr viel deutlicher wiederfinden als das Volk, das nach christlichem Dünkel ewigen Fluch auf sich geladen haben soll. Jesus wird eher als jüdischer Erneuerer gezeigt denn als christlicher Religionsstifter. Und die Laienschauspieler wachsen in diese Aufgabe auf wundersame Art hinein. Der Darsteller des Jesus sieht aus wie der Sänger von Nickelback mit einem Hauch Richard Branson. Aber obwohl er das Charisma eines Rockstars oder Milliardenunternehmers hat, liegt eine eigenartige Bescheidenheit über seinem Auftritt.

          Man bezweifelt zwar als Zuschauer, dass der Mann jemals etwas anderes war als Jesus, kann aber damit leben, dass er im richtigen Leben Kinderpsychologe ist. Man traut ihm ohne weiteres zu, verkorkste Wohlstandskinder zu therapieren, notfalls auch durch Handauflegung.

          Wer kein hartgesottener Gottesleugner ist, der ist in Oberammergau spätestens zur Pause bereit, sein Glaubensbekenntnis zu erneuern. Dazu bleibt mir aber wenig Zeit, denn bei aller Erbauung hat sich die Mehrheit des Publikum doch nicht spontan von Kugelschreibern und Fotoapparaten getrennt. Ich werde vom bekehrten Thomas schlagartig wieder zum begehrten Thommy. Textbücher werden mir zum Unterschreiben hingehalten. „Für Kevin, bitte!“ Es ist mir etwas peinlich, mein „Be cool, Kevin“ neben den Corpus des gekreuzigten Heilands zu setzen, der das Programmheft ziert, aber dem Kevin wird das egal sein.

          Da ließ der Herr es dunkel werden

          Überhaupt ist die Sammlung schnell im Eimer. Ein Halbwüchsiger, der sich auf der Straße neben mich gestellt hat, beschimpft seine Mutter, die mit dem Fotohandy nicht klarkommt. „Etzt moch hoilt, sunst isser weg!“ Das war ich dann auch ziemlich schnell, aber zu Beginn des zweiten Teils war das Überraschungsmoment dahin. Ich kam zwar knapp, konnte aber nicht verhindern, dass die Mehrheit des Publikums aufstand und anfing zu kichern und zu klatschen. Ein paar riefen „Thommy, Thommy“, und ich dachte, um Himmels willen, gleich machen sie die Ola-Welle. Aber da ließ der Herr es dunkel werden und rettete seinen Diener.

          Trotz meiner Begeisterung für Darsteller und künstlerische Gestaltung war mir die ganze Zeit doch etwas mulmig, wenn ich an die Inszenierung der Kreuzigung dachte. Der Schwan bei „Lohengrin“, die Taube im „Parsifal“ und der Geist im „Don Giovanni“: für modernes Regietheater kein Problem. Aber drei Männer auf offener Bühne den Kreuzestod sterben zu lassen, einen davon als Gottes Sohn, ist eine gewaltige Herausforderung zwischen Kitsch und Pathos. Und auch das haben sie in Oberammergau so hinbekommen, dass man kein amerikanischer Naiv-Katholik sein musste, um von diesen Bildern im Innersten berührt zu werden.

          „Selig, die nicht sehen und doch glauben“, hat Jesus zu meinem Namensvetter gesagt. Wenn man allerdings ein bisschen was sehen darf, fällt es doch leichter. Ich wünschte mir nur, dass die anderen Hilfstruppen des lieben Gottes ihre Sache ebenso gut vertreten würden wie seine Kinder aus Oberammergau.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.
          Als erster auf dem Tourmalet: Thibaut Pinot jubelt über den Etappensieg bei der Tour de France.

          Tour de France : Pinot bezwingt den legendären Berg

          Bei der Fahrt auf den berüchtigten Tourmalet ist Thibaut Pinot am Schnellsten. Zweiter wird ebenfalls ein Franzose, der das Gelbe Trikot behält. Emanuel Buchmann landet nach einer starken Leistung auf Platz vier.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.