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Oper über Alan Turing : Mister Enigma

  • -Aktualisiert am

Auf der Flucht aus einer verlogenen Welt: Alan Turing (Martin Platz) Bild: Ludwig Olah

Rendezvous mit Madame KI: In Nürnberg gelangt die Oper „Turing“ von Anno Schreier zur Uraufführung und begeistert das Publikum.

          3 Min.

          Des Helden Ende: ein Lamento-Terzett der Frauen, fallende Sekundketten bis zum Abwinken, ein blechbläserbegleiteter Choral nach einem die ringsum herrschende banale Alltagssprache transzendierenden Gedicht von William Butler Yeats, schließlich ein Epilog im Jenseits – so klingt Anno Schreiers am Staatstheater Nürnberg uraufgeführte neue Oper „Turing“ aus. In einem Prolog und sechzehn knappen Szenen nähert sie sich fragmentiert der Geschichte eines rätselhaften Helden des zwanzigsten Jahrhunderts an, dessen tatsächliches „Innenleben“ jenseits von kaum erahnbarem wissenschaftlichem Höhenflug und hilfloser Alltagsbanalität sie nicht ergründen kann. Gelänge das, wäre es romantische Oper, von der hier nur – auch durch ein gewaltiges Chor-Aufgebot – die Anmutung, die große Geste bleibt.

          Voll von Gesten, die alle nicht mehr ganz sie selbst sind, ist das gesamte Werk, dessen rhythmischer Grundimpuls sich einem raffiniert adaptierten Schlagzeug aus der Pop-Sphäre verdankt. Er ist fast allgegenwärtig und garantiert damit der Oper den Charakter einer realistischen Atemlosigkeit, der dort am fühlbarsten wird, wo er einmal aussetzt: „Marathon“ ist die Szene überschrieben, in welcher der geniale Mathematiker und Kryptologe, der den Enigma-Verschlüsselungscode der Nationalsozialisten knackte und damit wesentlich zur Kriegswende beitrug – und der später ein Vorreiter Künstlicher Intelligenz werden sollte – auf halbem Lebensweg innehält. Die Zeit erstarrt im rasenden Lauf, von dem nur zerfetzte Bläsergesten übrig bleiben: „Ich laufe, laufe, laufe, / Aber die Welt bleibt stehn“. Eine den Sohn abgöttisch-blind liebende Mutter; die Kollegin Joan, die ihm aussichtslos liebend zugetan ist und die durch eine Scheinehe seine Homosexualität erfolglos zu kaschieren sucht; schließlich Madame KI, eine ingeniöse Erfindung wohl des Librettisten Georg Holzer: Das sind die drei Lamento-Frauen vom Ende, da sich Turing mittels eines vergifteten Apfels das Leben nimmt.

          Madame KI, die Verkörperung der Künstlichen Intelligenz und damit von Turings Lebensaufgabe, die sie immer wieder anmahnt, ist als eine Allegorie dem barocken Opernprolog entsprungen. Aber anders als dort bleibt sie, leibhaftig, allgegenwärtig im Werk. Wie Vergil den Dante durch die Höllenkreise, so führt sie den Nerd Turing durch die Niederungen einer bornierten Welt, wo der Held zum doppelten und dreifachen Scheitern verurteilt ist: Seine Homosexualität, nicht nur seine Weltfremdheit, wird ihm schließlich zum Verhängnis. Da hilft auch das komische, ein Bach-Duett als Subtext nehmende Duo von Polizistin und Polizist nicht mehr, die den in sich Versponnenen, der in sein Unglück rennt, vor sich selbst zu schützen versuchen: eine shakespearesche Szene. Im Epilog (im Himmel?) dann, in dem der rhythmische Grundimpuls des Werks stockt, keimt eine zweifelhafte Hoffnung auf: „Bist du klüger als ein Mensch?“, fragt Turing. „Noch nicht. Aber bald“, antwortet Madame KI.

          Schreier gelingt mit seinem neuesten Werk, auch weil er das Sujet erkennbar ernst nimmt, ein Spannungsbogen, der vom Grotesken bis zum Pathetischen reicht, das durch seine vielfältigen Allusionen zwar gebrochen ist – aber zugleich ergreift. Was in seinen früheren Opern ein höchst gekonntes, oft witziges Spiel mit Polystilistik war (und zu mancher Kritik Anlass gab), gewinnt hier eine neue Dimension distanzierter Empathie. Diese Dimension verdankt sich auf der materiellen Ebene einer höheren kompositorischen Integration des Heterogenen. Der Rest bleibt ­Komponistenglück.

          Glänzend in Nürnberg der leichte, britisch-tenoral gefärbte Turing von Martin Platz, überzeugend die drei Damen (Andromahi Raptis als Madame KI, Emily Newton als Joan, Almerija Delic als Mrs. Turing), wuchtig der mit Zigarre auftretende Churchill von Nicolai Karnolsky, der die Enigma-„Codebreakers“, allen voran Turing, auf Rat von Madame KI im Moment der größten militärischen und moralischen Krise beruft und ihm nach Kriegsende einen Orden verleiht. Der aber nützt Turing in einer verlogenen, zudem durch den Krieg depravierten Gesellschaft nichts. Grandios der Chor, sehr ordentlich das (im zweiten Teil etwas fahrig werdende Orchester), unerschütterlich metiersicher das Dirigat von Guido Johannes Rumstadt. Hier wäre noch etwas mehr Bravour möglich. Dem Nürnberger Hausherrn Jens-Daniel Herzog und seinem Bühnenbildner Ma­this Neidhardt gelang eine bild- und temporeiche Inszenierung.

          Ein Glücksfall war offenbar die Zusammenarbeit Schreiers mit seinem Librettisten, der im ständigen Austausch mit dem Komponisten genau die von Giuseppe Verdi geforderten „parole sceniche“ lieferte, die die Musik braucht. Von wem der beiden die Idee der KI-Allegorie tatsächlich stammt, kann am Ende ruhig offenbleiben. Hector Berlioz erzählte gern die Gluck-Anekdote von einem überraschenden Erfolg: „Das Publikum hat applaudiert. Sollte ich etwas falsch gemacht haben?“ In Nürnberg gab es für das Werk enthusiastischen Applaus. Aber Schreier hat nichts falsch gemacht.

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