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Oper „La Vestale“ in Wien : Madonnas glühendes Herz

  • -Aktualisiert am

Intendant Roland Geyers setzt immer wieder auf selten gespielte Stücke, nun „La vestale“ im französischen Original. Bild: Werner Kmetitsch

Gaspare Spontinis „La vestale“ hat erstaunliche Ähnlichkeit mit Bellinis „Norma“. In der Wiener Produktion trifft die sehr genau durchdachte Musik auf eine szenische Überinstrumentierung.

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          Umreißt man den Inhalt von Gaspare Spontinis 1805 vollendeter Oper „La vestale“ für Opernkenner, so genügt ein kurzer Satz: „Norma“ mit Happyend. In der Tat ähnelt das Libretto von Victor-Joseph Étienne de Jouy frappierend dem von Felice Romani verfassten Handlungsstrang in Vicenzo Bellinis beliebtem Melodrama „Norma“ (1831). „La vestale“ spielt zwar im antiken Rom und nicht im römisch besetzten Gallien wie „Norma“, doch in beiden Opern steht eine Priesterin im Fokus, die Druidin Norma bei Bellini und die Vestalin Julia bei Spontini. Und in beiden Werken wird die Liebe den jungen Frauen zum Verhängnis. Während Norma am Ende auf dem Scheiterhaufen landet, lässt Jouy hingegen Gnade walten und erspart Julia durch ein Gotteszeichen die Qual, lebendig begraben zu werden.

          Die Ähnlichkeit der beiden Libretti dürfte darauf zurückzuführen sein, dass der Stoff nach Aussagen Jouys auf eine Begebenheit aus dem Jahr 269 v. Chr. zurückgeht, über die Johann Joachim Winckelmann berichtet hatte. Während „Norma“ zum Standardrepertoire großer Opernhäuser zählt, blieb Spontinis „La vestale“ eine Rarität, obwohl das Werk in der Entstehungszeit großen Erfolg hatte. Warum „La vestale“ heute so selten zu sehen ist, hat musikalische Gründe: Die Oper entstammt einer Übergangsperiode, sie wurzelt in der Gluck’schen Operndramaturgie, weist aber auch voraus auf die Romantik und die Grand opéra, die Berlioz und Meyerbeer später meisterhaft gestalten sollten. So wurde Spontinis „Vestalin“ paradoxerweise von jenen musikhistorischen Entwicklungen überrollt, die sie selbst initiiert hatte.

          Das Theater an der Wien, dessen Intendant Roland Geyer immer wieder auf selten gespielte Stücke setzt, ermöglichte nun eine Wiederbegegnung mit „La vestale“ im französischen Original. Die stockende Motorik, mit der die Ouvertüre beginnt, deutet dramaturgisch sogleich auf den inneren Konflikt Julias, eigentlich nur auf Wunsch ihres Vaters im Tempel der Vestalinnen zu sitzen. In Wahrheit ist sie verliebt in den siegreichen römischen Feldherrn Licinius, was einer römischen Priesterin bei Todesstrafe verboten war.

          „La vestale“: „Norma“ mit Happyend.
          „La vestale“: „Norma“ mit Happyend. : Bild: Werner Kmetitsch

          Römischer Spindoktor, Oberpriester oder Spießbürger

          So naheliegend es ist, die dominante Vaterfigur als psychologischen Schlüssel der Tragödie zu begreifen, so falsch wäre es, deren historische Dimension auszublenden. Der Regisseur Johannes Erath sucht die Oper mittels des katholischen Marienkults ins Heute zu übertragen. Zwar nicht bruchlos, sondern durch ständige Wechsel zwischen verschiedenen historischen Epochen – der Römerzeit, der Entstehungszeit der Oper und der Gegenwart. Doch dieser Gedanke hakt gewaltig: Selbst in den frömmlerischsten Klöstern würde heute niemand auf die Idee kommen, eine verliebte Nonne lebendig zu begraben. Doch nichts weniger als diese Drohung schwebt über der gesamten Tragédie lyrique.

          So irrlichtert der – in Spontinis Oper als Figur nicht vorgesehene – Vater Julias mal als römischer Spindoktor, mal im katholischen Ornat des Oberpriesters, mal als heutiger Spießbürger durch ein nichtssagendes Szenario, das Katrin Connan auf die Bühne stellte: Eine Art weiße Kaaba dominiert den bis zur Feuermauer offenen, nackten Raum. Gelegentlich hebt sich die Bühne und gibt Blicke in ein von unterdrückten Frauen bevölkertes Souterrain frei. Im zweiten Akt wird das Innere der Kaaba betreten, in dem eine überdimensionale Madonna ein glühendes Herz in Händen hält, um alsbald ihr sargähnliches Innenleben zu offenbaren.

          Im zweiten Akt hochexpressive Dramatik

          Auf der Vorbühne steht meist ein kleiner Tisch, mal mit Stühlen, mal mit Fauteuils, in denen der Vater mit seiner ebenso spießigen Ehefrau kauert, die sich auch in die Oberpriesterin verwandelt. Aber würde die flotte Julia, zunächst gezeigt als heutiges Girlie in Adidas-Jogginghosen, wirklich ins Kloster gehen, bloß weil ihr Vater dies wünscht? Die oft missverständlichen Kostüme Jorge Jaras sind ein weiteres Verhängnis, worin sich die diffuse Inszenierung Eraths verheddert, der am Ende wie ein Zauberlehrling vergebens den Zusammenhang seiner vielen Fäden sucht. Dass die sportive Julia in das weiße Plisseekleidchen der (vom Arnold Schoenberg Chor verkörperten) Vestalinnen schlüpft, ist ebenso unglaubwürdig wie ein Hohepriester/Vater, der in aller Öffentlichkeit nach jedem Mädchen grapscht, das ihm über den Weg läuft, und sei’s die eigene Tochter.

          Eraths szenische Überinstrumentierung, die im Finale in einer opulenten Sekt-Party mit herzförmigen Lichterketten kulminiert, steht leider auch im Gegensatz zu Spontinis musikdramaturgisch sehr genau durchdachter Musik. Ist der erste Akt zwar durchsetzt von unruhigen Gefühlen, so bestimmt ihn doch eher eine bereits romantisch gefärbte Sehnsucht, die in lyrischen Arien der beiden Liebenden Ausdruck findet. Erst im zweiten Akt gewinnt „La vestale“ allmählich jene hochexpressive Dramatik, deretwegen die Oper zu den Vorläufern der Grand opéra zählt. Nicht nur durch die Besetzung der Bläser – vier Hörner, drei Posaunen, zwei Trompeten – gelingen Spontini packende Szenen, sondern auch durch seine gekonnte Instrumentierung. In Julias Arie „Tu che invoco con orrore“ übernimmt ein Horn gleichsam die innere Stimme der leidenden Protagonistin.

          Die Südafrikanerin Elza van den Heever lässt ihren fülligen Sopran bruchlos verströmen. Die hochexpressiven Passagen dieser Schlüsselszene, mit der Spontini das Tor zur Romantik weit aufstößt, liegen van den Heever sogar noch besser. Ihr zur Seite steht mit dem Amerikaner Michael Spyres ein baritonal gefärbter Tenor mit perfekter französischer Geschmeidigkeit. Tadellos auch die dunklen Widerparts zu den beiden: Claudia Mahnke als Oberpriesterin und Franz-Josef Selig als Oberpriester. Schade um eine vertane Chance, zumal auch die Wiener Symphoniker unter Bertrand de Billy klangschön spielten.

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