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Choral-Datenbank : Nonnen singen fürs Internet

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Mancher Außenstehende glaubt, im Klosterleben eine Form eigener Seelenhygiene zu finden. Die Schwestern von Jouques aber in der Kapelle hinter dem Eisengitter sind die Selbstvergessenheit selbst. Manche noch sehr jung, andere gebrechlich, sogar im Rollstuhl. Doch sie alle aufgehoben in der Gemeinschaft. Beten ist ihnen wie das Atmen, eine Selbstverständlichkeit, geleitet von einer geheimnisvollen Macht, die sie im gleichen Rhythmus singen und murmeln lässt, derweil ihre Häupter sich senken und heben, ihr Körper sich aufrichtet oder ehrfürchtig kniet. Jede ganz bei sich und doch alle gemeinsam bei Gott.

Überraschung am nächsten Tag. Die Schwestern möchten das Produktionsteam kennenlernen und bitten in die abgedunkelte Sakristei. Langsam treffen über vierzig schwarz gewandete Frauen im Alter zwischen 26 und 85 ein. Kalt bläulich reflektiert das wenige Licht auf den weißen Hauben der Novizinnen in der zeitlichen Profess. Mère Abbesse Marie Monique Guttin ist an einem großen Kreuz auf dem weißen Kragen zu erkennen. Nur wenige scheinen Englisch zu sprechen, doch als die Worte „German“ und „music“ fallen, blicken viele gespannt auf. Stolz werden sie uns am nächsten Tag eine Autogrammkarte von Swjatoslaw Richter zeigen, der 1990 ein Konzert in der Abteikirche gab. Das Eis scheint gebrochen.

Jouques im April 2020: Seit einem Jahr nun werden die gesungenen Gebete aufgenommen, darunter Psalmen, Hymnen, Cantica, die Mess-Gesänge des Graduale Romanum, dem Choralbuch. Und die Offiziums-Gesänge des Antiphonale, dem Stundengebet: vom Morgenlob bei Sonnenaufgang, die Laudes um 7 Uhr bis hin zum Abendlob, die Vesper um 17.30 Uhr. Dazwischen die kleinen Horen, die Stundengebete: Terz (10.30 Uhr), Sext (12.45 Uhr) und Non (14.45 Uhr). Complet, das Abendgebet, folgt um 20 Uhr. Danach herrscht „Hohes Silentium“ bis zur Matutin, der Nachtwache, laut der Benediktsregel um etwa 2 Uhr früh, bei den Schwestern in Jouques um 5 Uhr. Spätestens jetzt sollten sie der einzigen Anweisung Johns folgen: das Zoom F8 Gerät auf „record“ drücken, damit alles auf SD-Karte gespeichert werden kann. Tag für Tag, bei jedem Fest, jedem Festkreis, Ostern und Weihnachten. Dies über drei Jahre hinweg – so will es die liturgische Leseordnung. Über Google Drive wandert das Material von Jouques nach Pescara, wo Fabio es mischt und schneidet.

Die Musikwissenschaftler Alberto Diaz-Blanco und Dominique Crochu in Rennes und Belfort werden es dann systematisieren – etwa 370 Minuten pro Tag. Die Audiofiles gehen dann nach Kansas zum Informatiker Matt Kirkland, der sie mit ihren lateinischen Texten und den Übersetzungen synchronisiert. Und grafisch umsetzt in die von Franco von Köln im dreizehnten Jahrhundert entwickelte Quadratnotation. Dazu – farblich abgesetzt – Hinweise zur Quelle, den liturgischen Anlass, die Vortragsart und Körperhaltung der Nonnen.

Zweitausend Gesänge sind bereits im Kasten. Etwa 8760 sollen es werden, über siebentausend Stunden Musik, „mehr als Bach, Mozart und Vivaldi zusammen“, lacht John. Himmlischer Segen liegt auf dem Projekt. Doch eine weitere unsichtbare Macht muss auch mitspielen. Erstaunt seien die Leute im nahen Aix-en-Provence gewesen, erzählt John, als er nach einem 4G Modem gefragt habe. „Sie boten uns packages für ein bis fünf Gigabytes pro Monat an. Aber wir brauchen 24 Gigabytes pro Tag! Die müssen sich gedacht haben, was treiben die Nonnen da bloß?“

Datenbank für den Gregorianischen Choral

https://www.neumz.com startet Anfang Juni als Web-App und soll im Herbst 2020 für iOS und Android erhältlich sein. Der kostenlose Zugang gestattet das Streaming eines Gesangs zur entsprechenden Tageszeit. Mit einem kostenpflichtigen Abonnement ist play-on-demand möglich sowie der Zugang zur kompletten Sammlung. Zwei Drittel der Einnahmen werden der Benediktiner-Abtei in Benin (Westafrika) zugute kommen.

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