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Kasseler Musiktage 2018 : Lob der Kunstpfeiferei

  • -Aktualisiert am

Kann auch Koloraturen: Der Pfeifvirtuose Nikolaus Habjan, begleitet von Ines Schüttengruber am Klavier. Bild: Christian Hedler

Die Kasseler Musiktage fragen: „Wann singst du?“, und das Publikum sucht, auf Luftmatratzen liegend, nach Antwort. Der Countertenor Valer Sabadus singt dabei besonders schön, doch das ist längst nicht alles.

          Es nennt sich schlicht „Orchester im Treppenhaus“ und will mit seinen Aktionen an ungewöhnlichem Ort, in Fabrikhallen, in der Straßenbahn und auch schon mal vor einer Geflügelfarm nicht weniger, als eine bedrohte menschliche Spezies vor dem Untergang retten: den gewöhnlichen Konzertbesucher, in der Erkenntnis, dass das „klassische“ Konzert mit Aufwärmstück, Solokonzert und großer Symphonie zwar nach wie vor sein Publikum findet, dass dieses aber zunehmend vergreist, während angeblich immer weniger jüngere Leute den Zugang zu derlei stereotypen Konzertprogrammen finden.

          Gerade kleinere und mittlere Festivals bieten sich als Experimentierfeld für musikalische Hör- und Erlebnisformen an, mit denen die in Hannover beheimateten Treppenhaus-Musiker unter ihrem Leiter Thomas Posth ihren Beitrag zu einer Erneuerung der Konzertkultur leisten wollen. Bei den Kasseler Musiktagen, wurde die Truppe jetzt mit der isländischen Sängerin Herdís Jónasdóttir für ein Konzertprojekt zusammengebracht, bei dem es sich die Besucher in der Documenta-Halle auf mitgebrachten Klapphockern, Kartons, Liegestühlen und Luftmatratzen gemütlich machen durften. Mit ihrem glockenklaren Timbre stattete Jónasdóttir die „Folk-Songs“ aus, die Luciano Berio für die armenischstämmige Sängerin Cathy Berberian arrangiert und effektvoll angeschrägt hatte. Ergänzend dazu gab es isländische Volkslieder und Gesänge von Robert Schumann bis Maurice Ravel. Das Publikum durfte bei zwei urdeutschen Liedern („Der Mond ist aufgegangen“, „Kein schöner Land“) mit einstimmen.

          Man könnte das inspiriert, doch vielleicht allzu betulich zelebrierte Konzert als Wohlfühlaktionismus abtun, doch führte das durchaus anspruchsvolle Volksliedprogramm in bläulich-anheimelnd illuminiertem Ambiente direkt zurück zu den Anfängen der Kasseler Musiktage. Sie waren 1933 aus einem „Arbeitskreis für Hausmusik“ hervorgegangen, mit der ausdrücklichen Maßgabe, dass die Besucher „vom bloßen Genießen zu eigenem Urteil und zum Mitgestalten kommen“ sollten. Diesem Mandat fühlt sich Olaf Schmitt, seit drei Jahren künstlerischer Leiter der Musiktage, ganz offensichtlich noch immer verpflichtet. Das erwies sich auch bei den übrigen Konzerten, die zeigten, zu welch musikalischen Höchstleistungen der Mund und die menschlichen Stimmorgane in der Lage sind.

          Der Countertenor Valer Sabadus hat seine Gesangskunst inzwischen so verfeinert, seine Stimme hat so viel an Natürlichkeit hinzugewonnen, dass selbst kleinste Seelenregungen der Barockopernfiguren in langen Melodiebögen, auftrumpfenden, doch kontrollierten Ausbrüchen oder in hochfein dosiertem Vibrato hörbar werden. Sabadus konzentrierte sich bei seinem Auftritt, grandios begleitet vom Concerto Köln, auf Arien, die Komponisten wie Antonio Caldara, Nicola Porpora oder Geminiano Giacomelli für Kastraten geschrieben hatten. Ein wenig litt das Programm unter der Last der durchweg melancholisch aufgeladenen Nummern, dafür perlten die Koloraturen umso munterer und koketter.

          In puncto Koloraturenperfektion erwuchs Sabadus bei den Musiktagen freilich heftige Konkurrenz. Der Österreicher Nikolaus Habjan, eigentlich ein passionierter Puppenspieler, pfeift auf die Oper, ganz wörtlich: Er singt nicht, sondern pfeift mit instrumentaler Präzision und gestochen scharfer Intonation populäre Opernnummern, von eher besinnlichen Arien wie Wagners holdem Abendstern (aus dem „Tannhäuser“) bis zur Racheraserei der Königin der Nacht (Mozarts „Zauberflöte“). Mit Inbrunst gestaltet Habjan, stets einfühlsam, aber auch ein bisschen brav am Klavier sekundiert von Ines Schüttengruber, das Schubertlied „Du bist die Ruh“, und geradezu sinnfällig wirkt sein Pfeifkonzert bei der Arie der Puppe Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach, deren französischer Originaltext die Vögelchen im Laubengang („les oiseaux dans la charmille“) tirilieren lässt. Sabadus und Habjan unterstützen ihre Interpretationen mit verblüffend ähnlichem körperlichen Einsatz, mit den Händen scheinen Sie die Klänge plastisch zu formen, ihr Gesten- und Mienenspiel spiegelt beredt die Innenwelt der gerade interpretierten Musiknummern, Habjan leistet sich hin und wieder gar einen kapriziösen Hüpfer.

          Wenn man so will, sind es ebenfalls instrumentale „Gesänge“, die der 1991 verstorbene polnische Komponist Andrzej Panufnik einem ungewöhnlichen Medium ablauschte – den summenden und knackenden Telegrafendrähten aus seiner Jugendzeit – und sie in seinem zweiten Streichquartett „Messages“ vier Streichern anvertraute. Seine Klangsprache wirkte im Konzert des Apollon-Musagète-Quartetts dabei weitaus moderner und radikaler als die seiner Tochter Roxanna, die für ihn mit ihrem Quartettstück „O Tu, Andrzej“ ein wohlklingendes musikalisches Epitaph schuf.

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          Vokalen Hochglanz brachte schließlich ein Konzert, das weit in die Kasseler Musikgeschichte zurückführte, in die Zeit, als der vierzehnjährige Wirtssohn Heinrich Schütz aus Thüringen bei Georg Otto, dem Komponisten und Hofmusikus des Landgrafen Moritz von Hessen, von 1599 an für acht Jahre in die Lehre ging. Das famose Bremer Ensemble „Weser-Renaissance“ stellte in einem von seinem Leiter Manfred Cordes arrangierten reizvollen Programm Kompositionen zu bestimmten biblischen Textstellen beider Musiker einander gegenüber. Dabei waren sowohl Einflüsse des noch in der Renaissance verhafteten Otto auf seinen Schützling Schütz als auch Schütz’ sehr viel plastischere musikalische Ausdeutung des Textes erfahrbar. Während Schütz klare Angaben zur Instrumentierung hinterlassen hat, musste Cordes bei den Otto-Stücken die Begleitung der Singstimmen dem kirchenmusikalischen Brauch der Zeit entsprechend – mit Zink, Posaune und Dulzian – rekonstruieren.

          Bleibt nach der ersten Konzertserie der Kasseler Musiktage die Erkenntnis, dass pfiffige Programme, womöglich gar mit Wohlfühlfaktor, dem Konzertsaal nicht zwangsläufig neue Besucherschichten erschließen müssen. Eingefahrene Hörgewohnheiten irritieren sie allemal höchst produktiv.

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