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Jelinek-Stück in München : Ihr seid die Schulden, wir sind die Wut

Jesus gibt eine „Kammerparty“ und macht ein Göttergruppenselfie: Szene aus Nicolas Stemanns Münchner Uraufführung von Elfriede Jelineks „Wut“. Bild: © Thomas Aurin

Rassismus, Religion und viele Kalaschnikows: Nicolas Stemann inszeniert die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Wut“ an den Münchner Kammerspielen. Im Gedächtnis wird man davon nicht viel behalten.

          4 Min.

          Jelinek inszenieren ist wie Gold waschen in einem Gebirgsbach: Der Regisseur bekommt es mit viel Geröll zu tun. Und mit Abfall, Sprachabfall aus den Diskursen der Saison, der sich im munter-musikalisch bergab gluckernden Bächlein angesammelt hat und nun entsorgt werden muss. Dafür gibt es die Jelinekschen Containerstücke, in die viel hineinpasst. Mülltrennung ist allerdings nicht vorgesehen. Die österreichische Nobelpreisträgerin schreibt Theatertexte wie andere Leute ihren Dachboden entrümpeln: All der Kram, der sich heimtückisch und ganz ohne eigenes Zutun da oben zusammengebraut und angesammelt hat und einen nun bedrängt, bedrückt und vielleicht sogar im Schlaf verfolgt, muss weg - in einer einzigen großen Anstrengung, die zwischendurch sogar Spaß macht und am Ende alle Beteiligten auf diffuse Weise befreit, aber auch ungläubig, leer und ermattet zurücklässt.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          „Wut“, das neueste Containerstück der Elfriede Jelinek, ist entstanden als Reaktion auf die Anschläge von Paris im Januar 2015, als acht Mitglieder der Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, zwei Polizisten und vier Kunden eines jüdischen Supermarktes von islamistisch motivierten Terroristen ermordet wurden. Der Text ist keine tastende, sondern eine zügig im Kreis voranpreschende, sich dabei ständig ins Wort fallende Erkundung der Phänomene Wut und Gewalt. Es geht um Gotteskrieger und Selbstmordattentäter, Väter und Söhne, Männer und Frauen, eifernde Götter und ebensolche Geliebte, patriarchale und familiale Strukturen, um die Angst vor dem Fremden, um Ausgrenzung und ihr oft ebenso fatales Gegenteil, um die Lust am Töten sowie um die Instrumente, die nötig sind, um diese Lust aufzustacheln, zu befriedigen und zu legitimieren. Es geht also um Ressentiments, Rassismus, Religion, soziale Medien, Demagogie und Kalaschnikows.

          Hassreden und Wutgesänge

          Der Text ist auf knapp 120 Seiten angefüllt mit Hassreden und Wutgesängen, mit Zorn, Ironie, Verzweiflung, Ratlosigkeit, Kalauern und Klügeleien. Es gibt keine Figuren, keine Dialoge, keine Handlung. Es gibt nur Themen und Motive und die sprachlichen Verfahren ihrer Behandlung. Als Treibstoff dient die Assoziation, der Perspektivwechsel bestimmt den Rhythmus. Jelineks Prosa ist sprachspieltriebgesteuert, deshalb wirkt sie lustvoll und zwanghaft zugleich. Klangzusammenhänge sind oft genauso wichtig wie Sinnzusammenhänge. Die Jelinek-Sätze bewegen sich in einer Art Stolpergleiten voran, das die unaufhörlich auftretenden Widerstände stolpernd betont, um sie gleitend zu überwinden, wenn auch nur für den Moment. Diese Sätze gehören zur Familie der Wirbellosen, sie sind biegsam wie Raupen und ebenso unbeirrbar: Sie fressen sich durch alles hindurch. Dabei kennen sie weder Ziel noch Maß.

          Ungekürzt ließe sich „Wut“ in sieben bis acht Stunden locker auf die Bühne bringen. Der Regisseur Nicolas Stemann, der zu Beginn des Abends in den Münchner Kammerspielen wie ein Conférencier die Bühne betritt und auch später eifrig mitmischen wird, bedankt sich artig beim Publikum für dessen Erscheinen („Das ist sehr freundlich von Ihnen“), gesteht scheinbar bekümmert, das Stück sei mal wieder sehr lang geworden und kündigt dann ein Novum in der Geschichte der Kammerspiele an: Eine Pause werde es nicht geben, aber man dürfe sich zwischendurch Speisen und Getränke holen. Bitte aufpassen mit dem denkmalgeschützen Mobiliar - „aber das kennen Sie ja von zuhause.“

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