https://www.faz.net/-gqz-9u4xn

„La traviata“ in Berlin : Ist doch nur ein Traum

  • -Aktualisiert am

Ohne Direktkontakt zum Freier: Natalia Pavolva al Violetta Bild: Imago

Versuch einer Frauenphantasie: An der Komischen Oper Berlin inszeniert Nicola Raab Giuseppe Verdis „La traviata“ als Flucht aus der Cybersex-Welt ins Paris von vorgestern.

          3 Min.

          Reden wir übers Licht: Wie es herbstgolden glänzt im Theaterlaub, wie es fies aus dem Hintergrund gleißt, wie es kunstvolle Halbschatten wirft, in denen das fragile Gefühlsleben der Hauptfiguren ausgehandelt werden soll; wie es sich zum gnadenlosen Spot bündelt, wenn am Ende die tuberkulosekranke Violetta dahinvegetiert. Selten sieht man in der Oper eine so differenzierte Beleuchtung wie sie Linus Fellbom sich ausdachte für die neue „Traviata“ an der Komischen Oper Berlin. Auch das Dunkel gehört dazu, wenn Violetta ganz zu Beginn aus dem Licht wieder in den Schatten tritt, dass man wenig mehr sieht als die Umrisse ihres Körpers.

          Ob es ein gutes Zeichen ist für eine neue Opernproduktion, wenn vor allem die Beleuchtung, auffällt? In Nicola Raabs Inszenierung der „Traviata“ kommt dem Licht eine wichtige Rolle zu: Es soll die Anmutung eines Tagtraumes erzeugen. Giuseppe Verdis meistgespielte Oper als Imagination einer modernen Sexarbeiterin, die mit der Diagnose einer tödlichen Lungenkrankheit nach Hause kommt – aus dem Licht in den Schatten – und sich nun aus Angst vor dem Unausweichlichen in die Phantasie flüchtet. Einsam ist diese moderne Violetta, indem sie sich als Sexobjekt vor einem Bildschirm mit Web-Kamera präsentiert. Beinahe drängt die Inszenierung ein Gefühl seltsamen Mitleids auf: Dass diese moderne Prostituierte keinen unmittelbaren Kontakt mehr mit ihren Kunden hat. Früher, im Paris der echten Violetta war das noch anders! Später, im dritten Akt sieht man die Konsumenten: den Chor der Stierkämpfer, die beim Singen alle auf ihre Smartphones starren, wo sie kaum Bilder ihrer nächsten Stiere betrachten dürften.

          Dass man die eigentliche Handlung der Oper als eine Phantasie dieser modernen Violetta wahrnimmt, ist der erklärte Wunsch der Regisseurin. Dem nachzukommen ist für den Betrachter keine geringe Aufgabe. Weder Linus Fellboms Ausleuchtung kann hier so recht helfen, noch die Tatsache, dass auch Ainars Rubikis, der Generalmusikdirektor, sich entschlossen am Konzept beteiligen möchte. Einen Abend lang spielt das Orchester der Komischen Oper mit traumhafter Zartheit, fein auch in der Aufmerksamkeit, mit der die Musiker Verdis reichlich bekannte Melodien phrasieren. Und doch versteht man das Tagtraumhafte nicht, weil der Unterschied zur Realität nicht erkennbar wird. Bald tritt eine Pariser Gesellschaft in Frack und Reifrock auf, wie sie jede historisierende Inszenierung der „Traviata“ bevölkern könnte: Zylinder werden geschwenkt, Sektgläser herumgetragen, dick gepolsterte Stühle und Kanapees angeschleppt. All das wirkt ziemlich konventionell, die Erklärung, es handele sich um einen Traum, erscheint als gewagter bis dreister Etikettentausch.

          Daran ändert auch der Versuch wenig, die von der Regisseurin erfundene Rahmenhandlung in der Realität des Publikums zu verankern. Ohne dass das Licht im Zuschauerraum verdunkelt worden wäre, hebt das Orchester noch ins Saalgeplauder hinein mit dem Vorspiel an. Zugleich tritt Violetta in den Schatten der Bühne. Davor schon und auch später zwischen den Akten ist ein elektronisch generiertes Hintergrunddröhnen im Saal zu vernehmen, wie es wohl im Kopf der modernen Violetta wüten könnte. Melodiefragmente von Verdi sorgen für die Anbindung an die Musik des Stückes. Doch gerät all das bald in Vergessenheit, wenn wieder das Feiervolk des neunzehnten Jahrhunderts auf der Bühne zu sehen ist, von Annemarie Woods in noble Garderobe gesteckt. In einer Art Lagerhalle treten sie auf (Bühne: Madeleine Boyd), mit eingeschobenen Milchglasfassaden lässt sie sich schnell zu einer Veranda im Zauberberg-Davos-Stil verwandeln. Vom Auf- und Abtreten der Figuren abgesehen, herrscht Sparsamkeit an Gesten und Bewegung. Raab, die hier ihr Debüt an der Komischen Oper gibt, lässt Ruhe walten. Vielleicht muss das in einem Tagtraum so sein, vielleicht fiel ihr nicht viel ein.

          Die Zurückhaltung in der Personenführung setzt sich in der Zeichnung der einzelnen Figuren fort: Natalia Pavlova singt die Violetta mit weicher, tief timbrierter Stimme. Ihre Rolle hüllt sie damit warm ein, Ecken und Kanten verschwinden. So einnehmend das oft klingt, so flach erscheint diese Violetta doch im Charakter. Natalia Pavlovas stimmlicher Kultiviertheit stehen zwei Männer gegenüber, die entschieden kraftvoll auftreten: Ivan Magrì als Alfredo beginnt zurückhaltend, setzt sich aber bald im ariosen Heldenton fest. Stimmlich ist er dieser selbstgewählten Anforderung gewachsen, eine gewisse Eintönigkeit kann das aber nicht verhindern. Günter Papendell als Giorgio lässt sich vom Tenor anstecken und forciert ein ums andere Mal, am sängerfreundlich begleitenden Orchester kann das kaum liegen. Dennoch gelingt Papendell, was den beiden anderen nicht gelingen mag: eine mehrschichtige Figur zu zeichnen zwischen patriarchalischer Strenge und väterlicher Milde. Vielleicht gehört die sängerische Flachheit mit zum Versuch, die Anmutung einer Traumphantasie zu schaffen. Da die Imagination als solche aber nicht erkennbar ist, vermischt sich alles zu einer einzigen Bühnenrealität, deren Blutlosigkeit ratlos macht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland eine Regierung anzuführen. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.
          Tänzer proben für den hohen Besuch: Agra bereitet sich auf Donald Trump vor.

          Besuch in Indien : Ein Spektakel, wie es Trump und Modi lieben

          Wenn der amerikanische Präsident nach Indien reist, geht es mehr um Bilder fahnenschwenkender Anhänger als um konkrete Vereinbarungen. An die Stelle eines Handelsabkommens dürften die Rüstungsverträge treten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.