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Nibelungenfestspiele in Worms : Toxische Erinnerung

Gemetzel der Ungezähmten: Für „Siegfrieds Erben“ wird der Wormser Dom im Feuerschein erleuchtet. Bild: david baltzer / bildbuehne.de

Hüte dich vor dem Schlangennest der Christen: Roger Vontobel inszeniert in Worms „Siegfrieds Erben“ von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit viel Kunstblut-Gemetzel.

          Zur Halbzeit der Nibelungenfestspiele in Worms sind die Vorstellungen unverändert ausverkauft. Im zur Gourmetzone mit Dresscode hergerichteten Heylshofpark hinterm Dom, wo die Theatergäste sich einstimmen und bis spät in die Nacht Eindrücke austauschen, sieht man duftige Kleider und Zopfsteckfrisuren im Kriemhildlook. Einige Damen steigen zur Kühlung in den saisonbedingt rot erleuchteten Springbrunnen, als wollten auch sie durch Drachenblut ein wenig unverletzbar werden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch auf der Freilichtbühne ist diesen Sommer, da die großartige Kulisse der Spiele, der Dom, das tausendste Jahr seiner Weihe beging, der eigentliche Nibelungenstoff, der in der zu Ende gegangenen Ära von Albert Ostermeier variiert und umkreist wurde, wieder in den Fokus gerückt. Der Intendant und Ufa-Chef Nico Hofmann hat den Schriftsteller Feridun Zaimoglu und dessen Co-Autor Günter Senkel an seine Tafelrunde in der ältesten Stadt Deutschlands geholt und sie zu dem mittelalterlichen Epos über Vasallentreue und die Waffen der Frau ein Sequel verfassen lassen.

          Großartiger mongolischer Kehlkopfsänger

          Das Stück „Siegfrieds Erben“, das da anfängt, wo das Nibelungenlied aufhört, zeigt, wie eine Hochkultur am Rhein durch eigene Schuld ihr Ende heraufbeschwört. Dabei verknüpfen Zaimoglu und Senkel historische Bezüge aus der Völkerwanderungszeit, als römische und hunnische Truppen das Burgunderreich vernichteten, mit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts, sie überblenden die Figur des Hunnenkönigs Etzel mit der des Eroberers Dschingis Khan und mischen, wie in einem Video-Spiel, archaische mit derber Alltagssprache. Das Erbe des ermordeten Drachentöters Siegfried, das ist der Goldschatz, den dieser dem Nibelungen Alberich abnahm, den konkurrierende Klane beanspruchen und der vor Worms in der Tiefe des Rheins liegen soll. Noch mehr ist es freilich die toxische Erinnerung an Erniedrigung und Verrat bei den Hinterbliebenen, die abermals eine Spirale maßloser Racheakte in Gang setzt, was der hollywoodversierte Regisseur Roger Vontobel mit viel Pyrotechnik, Theaterblut und einer kräftigen Portion Horrorgroteske in Szene setzt.

          Linn Reusse, als Swanhild-Tochter von Siegfried und Kriemhild, kniet mit blutverschmiertem Gesicht auf der Bühne.

          Als potentiell noblen Wilden, der für Siegfrieds Sippe zur verdienten Nemesis wird, spielt der Kinostar Jürgen Prochnow Hunnenkönig Etzel. Flankiert von zwei Videoschirmen, die sein schönes Altmännergesicht mit der Silbermähne zum Close-up vergrößern, durchlebt Prochnows Steppenherrscher, die Puppe seines getöteten Kindes auf dem Arm, das von dessen Mutter Kriemhild aus Rache für Siegfrieds Tod veranstaltete Gemetzel an seinem Hof. Ihretwegen hätte er sich beinahe zum Christentum bekehrt, mit dem, wie er erkennt, die Elite im Westen nur ihre Machtgelüste tarnt. Und da, wie er feststellt, diese Leute ihre Kinder nicht liebten und gegen ihre Alten rebellierten, beschließt er, sie seinem ehrlichen Gewaltregime zu unterwerfen.

          Den Naturglauben der Ahnen verkörpert Pheline Roggan als Schamanin, die, von der Kostümbildnerin Nina von Mechow bald wie eine Haremsdame, bald wie eine Tierfrau zurechtgemacht, ihn Rache raunend zum Vernichtungsfeldzug gegen das „Christenpack“ drängt, aber keinerlei Aura entwickelt. Dafür entschädigt der großartige mongolische Kehlkopfsänger Enkhjargal Dandarvaanchig, der mit mehrstimmigen Bauch- und Kopftönen, aber auch chinesisch pentatonischen Melodiefiguren sowie orientalischen Melismen die Weiten Asiens herbeibeschwört. Das ihn begleitende Kammerensemble spielt aber auch rockig-barockig, wenn es um die Burgunder geht.

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