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New Yorks Opernhäuser : Die Diva zwischen Backsteinmauern

  • -Aktualisiert am

Alan Gilbert dirigiert die New Yorker Philharmoniker Bild: AP

Musikalische Aufbruchstimmung in New York: Alan Gilbert will als neuer Chef die Philharmoniker aus ihrer Versteinerung lösen. Seine Programme sind im Vergleich mit denen der letzten Jahre revolutionär. An der Metropolitan Opera inszeniert schräg gegenüber Luc Bondy Puccinis „Tosca“.

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          Vom Wandel, von „change“, war jetzt eigentlich in Amerika genug die Rede. Wie schwer dieser Wandel durchzusetzen ist, davon kann Präsident Obama jeden Tag ein Lied singen. Aber von Musik in New York zu reden, zumal von den beiden klassischen Großinstitutionen namens New York Philharmonic und Metropolitan Opera, und nicht auf den Wandel zu sprechen zu kommen, das wäre geradezu unredlich. In Alan Gilbert, dem neuen, zweiundvierzig Jahre alten Chef der Philharmoniker, einem aufstrebenden und mit viel Lob bedachten Musiker, der jedoch alles andere als ein Star ist, hat sich der Wandel gar personifiziert. Damit allein aber soll es, wie schon ein Blick auf das Programm der kommenden Saison verrät, keineswegs sein Bewenden haben.

          Gilbert, nicht nur gebürtiger New Yorker, sondern Sohn eines philharmonischen Violinistenpaares, ist offenbar entschlossen, das Orchester aus seiner Versteinerung zu lösen und ihm im New Yorker Kulturleben wieder zu einer tragenden Rolle zu verhelfen. Seine Programme sind im Vergleich mit denen der letzten Jahre revolutionär, jedenfalls für New York. Mozart und Webern, Haydn und John Adams werden da beziehungsreich verknüpft, und vor allem wird zeitgenössischen Komponisten ein prominenter Platz eingeräumt. Die Philharmoniker werden sich in anderen Hallen der Stadt hören lassen, vor neuen und, wie sie hoffen, jungen Publikumsschichten, und wenn sie dabei auch nicht so hip und cool wirken dürften wie das Los Angeles Philharmonic, das nun unter Leitung des achtundzwanzigjährigen Gustavo Dudamel die Zukunft anpeilt, verdient bereits ihr Wille zur Neuerfindung mehr als höflichen Applaus.

          Blendende technische Verfassung

          Noch bevor sie ihre Saison galamäßig eröffneten, taten sich die Philharmoniker mit Trey Anastasio zusammen, einem Musiker, dessen Name sonst eher mit der Rockband Phish in einem experimentierfreudigen Atemzug genannt wird. Einen Abend lang wehte durch die Carnegie Hall Luft vom anderen Planeten, genannt Madison Square Garden. Mit liebgewonnenen Traditionen brach aber auch die Opening Night. Magnus Lindberg war der erste Komponist, dem sich Gilbert in seinem neuen Amt widmete, und wenn auch Lindbergs „EXPO“ eher ein Stück ist, das vor repräsentativem Bombast nicht zurückschreckt, war immerhin die Geste, mit einer Uraufführung zu starten, genau die richtige. Es ging zudem auffallend atypisch weiter.

          Luc Bondys „Tosca” tarnt sich als melodramtisch übersteigerter Schocker
          Luc Bondys „Tosca” tarnt sich als melodramtisch übersteigerter Schocker : Bild: AP

          Mit Renée Fleming hätte zwar keine größere amerikanische Diva die Bühne betreten können, aber statt ein paar Tracks ihrer neuen Verismo-CD live wiederzugeben, hatte sie Olivier Messiaens frühen Orchesterliederzyklus „Poèmes pour Mi“ gelernt. Auswendig trug sie das Werk vor, mit solch dramatischer Intensität und vokalem Nuancenreichtum, als sänge sie seit Jahrzehnten schon die noch von Debussy zehrenden, aber doch schon auf Messiaens künftige Farbenpracht und Klangmystik verweisenden Stücke. Gilbert war ein aufmerksamer, manchmal zu kraftvoller Begleiter, durchwegs eher solide als spektakulär. Und so dirigierte er auch Berlioz' „Symphonie fantastique“, wobei es über die blendende technische Verfassung der Philharmoniker, über ihre Brillanz in so gut wie allen Gruppen und ihre traumhafte Präzision keinen Zweifel geben konnte. Zumindest darin haben Kurt Masur und Lorin Maazel ein reiches Erbe hinterlassen.

          Mit Schmelz am Schmalz vorbei

          Im Haus schräg gegenüber, an der Metropolitan Opera, ist der Wandel, musikalisch gesehen, seit Jahrzehnten gestoppt, und zwar glücklich gestoppt. Dort waltet ein Dirigent, den die Stadt längst als eine ihrer kulturellen Gottheiten verehrt. James Levine, der 1971 mit „Tosca“ seinen Einstand an der Met gab, stand nun auch für die Neuinszenierung von Puccinis Psychothriller zur Verfügung, und wie er die Partitur aufschlüsselte, wie er mit pastosem Schmelz am Schmalz vorbei in eine Sphäre geradezu organischer Musikalität vordrang und dabei sein Orchester mit den Sängern atmen, ja sogar singen ließ, setzte für alle künstlerischen Ausdrucksformen des Abends Maßstäbe, die schwer zu übertreffen waren.

          Trotzdem stand auch diese Aufführung im Zeichen des Wandels. Für Peter Gelb, seit drei Jahren Intendant des Hauses, ist dies jetzt die erste Spielzeit, die er selbst von Anfang bis Ende geplant hat. Es sieht alles vielversprechend aus. Acht Premieren sind vorgesehen, und obwohl die Wirtschaftskrise auch die Met schwer in Mitleidenschaft gezogen hat, sind nicht nur sichere Hits darunter. Importiert aus Europa werden etwa Patrice Chéreaus Inszenierung von Janáceks „Aus einem Totenhaus“ und Schostakowitschs „Die Nase“, in Szene gesetzt von William Kentridge. Beide Werke werden erstmals an der Met aufgeführt. Zwei Debüts gab es auch in „Tosca“: Luc Bondy als Regisseur und Richard Peduzzi als sein Bühnenausstatter, der dem von Franco Zeffirelli jahrelang verhätschelten Publikum eine Bühne zumutete, die bis auf kahle Backsteinwände entkleidet war. Ein derart entrümpeltes, auf seine geometrische Struktur reduziertes, gleichsam der aktuellen Wirtschaftsrezession verpflichtetes Ambiente musste einfach die saftigsten Buhchöre hervorrufen.

          Nun ist Bondy gewiss keiner jener europäischen Opernrevoluzzer, die Amerikaner auch aus der Ferne noch erschauern lassen. Was wäre schon gegen seinen Versuch einzuwenden, auf der Riesenbühne der Met subtiles realistisches Theater mit opernhaftem Aplomb zu verwirklichen? Herausgekommen ist aber ein melodramatisch übersteigerter Schocker, in dem von präziser Personenführung und psychologischen Verästelungen allenfalls streckenweise etwas zu ahnen ist. Ohne direkte historische oder aktuelle Bezüge bleibt „Tosca“ bei Bondy eine Übung in Konvention mit einigen deftigen Überhöhungen.

          Gefühle im überlebensgroßen Format

          Das wäre vielleicht gutgegangen, wenn das Protagonistentrio sein Bühnenleben aus einer dramatischen Wahrheit entwickelt hätte. Marcelo Álvarez als Cavaradossi, Liebhaber des Gesangsstars Floria Tosca, nahm seine metallisch verstärkten Kantilenen jedoch zum Vorwand, ins altbekannte Gestenrepertoire zurückzufallen. In robuster Retromanier trumpfte auch George Gagnidzes Polizeichef Scarpia auf, ein bulliger Bösewicht, zu Beginn des gewaltdurchtränkten zweiten Akts von drei Nutten assistiert und nicht bloß deswegen wie aus einem expressionistischen Stummfilm importiert.

          Und dann war da noch Karita Mattila. Die wunderbare finnische Sängerdarstellerin sorgte dafür, dass es, im krassen Gegensatz zum Bühnenbild, in ihrem Spiel alles andere als spartanisch zuging. Sie glühte förmlich von ihrem ersten Auftritt an, sie sprengte Gefühle ins überlebensgroße Format, hassend, leidend, liebend und mordend. Auch sie aber war, bis hin zum Sprung von der Engelsburg, der wie ein Film angehalten und ausgeblendet wurde, im Melodram gefangen. Dass ihr üppig ausladender Sopran manchen New Yorker Melomanen, die vermeintliche italienische Gesangstraditionen strenger hüten als die Loggionisti der Scala, nicht behagen konnte, wäre leicht zu verschmerzen gewesen. Bedenklicher war ihre vergröberte, verdickte, in der Höhe unreine Tongebung. Vissì d'arte: Auch da zeigte sich, dass ein Leben für die Kunst seinen Preis hat.

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