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New Yorker Premieren : Kostümschinken-Opernkino für die Welt

  • -Aktualisiert am

Die Metropolitan Opera prunkt als kulturelles Großunternehmen mit globaler Reichweite. Künstlerisch aber betritt sie mit den jüngsten Premieren kein Neuland.

          Der Riese Fafner, der uns nach Wunsch seines Schöpfers „in der Gestalt eines ungeheuren eidechsenartigen Schlangenwurms“ erscheinen soll, ist ein träger Gesell. Selbstgefällig brummt er vor sich hin: „Ich lieg’ und besitz’. Lasst mich schlafen!“ Richard Wagner müsste sich nun wundern, dass sein Fafner in der Neuinszenierung des „Siegfried“ an der New Yorker Metropolitan Opera einen Imitator vorfindet. Für seine Deutung des „Ring des Nibelungen“ hat Robert Lepage, der einst bahnbrechende Theatermagier, eine gigantische Maschine bauen lassen, die meist regungslos auf der Bühne liegt und sie mit ihren vierundzwanzig Tentakeln buchstäblich in Besitz genommen hat. In „Rheingold“ und „Walküre“ reckte und dehnte sich das schwerfällige Monstrum nur gelegentlich. In „Siegfried“ enttäuscht es nun vor allem, weil es sich nicht in Fafner verwandelt. Der muss stattdessen unter ihm hervorkriechen, als Schlangenwurm, wie ihn ein vortechnologisches Kasperletheater nicht putziger hätte zusammenbasteln können.

          Die meiste Zeit dient der Apparat aber als Projektionsfläche. Das ist insofern vorteilhaft, als er dann nicht mehr knurrt und knarrt. Und die Projektionen sind diesmal auch besonders ausgeklügelt, kommen sie doch streckenweise in einer Art 3D-Optik daher. So schwirrt das geschwätzige Waldvöglein fast naturgetreu durchs saftig grüne Gehölz; so flitzt manch Käfer und anderes Kleingetier durchs Laub; und so haben wir gar die Gelegenheit, arbeitsame Würmer, Schlangen und Insekten im Wurzelwerk von unten zu betrachten. Warum nicht - Naturfilme sind schließlich was Schönes! Was drumherum geschieht, ist weniger berückend. Die Geschichte vom Pflegekind, das zum Rabauken aufwächst, der erst angesichts einer flammenumzingelten Kriegsbraut das Fürchten lernt, wird in altbackener Weise opernhaft nachgestellt. Die Technik hat viel Geld und Arbeit gekostet, da bleibt halt für eine feinnervige Personenführung wenig Zeit.

          Riskante Verlangsamung der Orchesterfluten

          Jedenfalls steht der technologische Aufwand in keinem Verhältnis zum künstlerischen Ertrag. Selbst ein überwältigender Sängerdarsteller wie Bryn Terfel, der als wandernder Wotan die Überreste seiner Macht nur unter hochexplosiven Gefühlsentladungen aufgibt, wird immer wieder von der Beliebigkeit und Behaglichkeit der Regie eingeholt. In Jay Hunter Morris ist immerhin ein Siegfried gefunden, der die Mammutrolle respektabel überlebt - das ist schon mehr, als sich vom Großteil heutiger Siegfriede sagen lässt. Auch Gerhard Siegel als bisweilen heldentenoral auftrumpfender Mime und Eric Owens als gefährlich dröhnender Alberich sind Besetzungen, wie sie der Met zur vokaldramatischen Ehre gereichen, während Deborah Voigt sich keinen Gefallen tut, ihren inzwischen doch sehr zerschlissenen Sopran an den Höhenflügen der Brünnhilde zu testen.

          Die eigentliche Revolution findet im Orchester statt. Seit geradezu undenklichen Zeiten tönt der „Ring“ in New York ausschließlich so, wie James Levine es will. Über die Jahrzehnte haben sich unter seiner Leitung die Orchesterfluten immer riskanter verlangsamt, aber dafür strahlten sie auch immer prächtiger und edler in einem Goldglanz, dem sich ein unendliches Legato hinzugesellte. Gesundheitlich schwer angeschlagen, ist Levine seit Monaten außer Gefecht gesetzt, und ob er je wieder am Pult der Met erscheinen wird, steht dahin. Sein Ersatz heißt Fabio Luisi, der sich vorerst mit dem Titel eines „Principal Conductor“ zufrieden geben muss. Im „Siegfried“ wartet Luisi nun regelrecht als Anti-Levine auf. Sicher, den auf Hochglanz polierten Klang gibt Levines Orchester so schnell nicht auf, aber mit extrem flotten Tempi und einem aufgehellten Klangbild, das zumal im Verzicht aufs gewohnte Blechfundament wie Wagner „light“ zu wirken beginnt, lässt Luisi keinen Zweifel daran, dass es zumindest vorübergehend eine Wachablösung gibt. Sonst ist noch nicht viel von einer konzeptuellen Durchdringung der Partitur auszumachen; den New Yorkern aber gefiel der neue Mann im Graben.

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