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New Yorker Philharmoniker : Zum Raum wird hier die Zeit

  • -Aktualisiert am
Von Stockhausen über Boulez bis Mozart: eine musikalische Zeitreise mit den New Yorker Philharmonikern in der Park Avenue Armory.
          2 Min.

          Hätte Stockhausen wie Puccini komponiert, wäre New York ihm dann weniger gram? Jedenfalls ist seine nicht gerade süffige Musik aus den Konzertsälen der Stadt so gut verbannt, seit er die Terroranschläge des 11. September als das „größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“ bezeichnete. Dass er dabei auch von einem „Verbrechen“ sprach, ging in dem sich anschließenden Protestgetöse reibungslos unter. Alan Gilbert, gebürtiger New Yorker und Chef der New Yorker Philharmoniker, gehörte damals zu jenen, die fest entschlossen waren, nie wieder eine Stockhausen-Partitur aufzuschlagen. Jetzt hat er es doch getan, mit einem Ergebnis, wie es im New Yorker Musikleben leider viel zu selten zu hören ist.

          Stockhausens „Gruppen“, nur gut zwanzig Minuten kurz, ist ein kompositorischer Koloss, für den drei Dirigenten gebraucht werden. Drei räumlich voneinander getrennte Orchester müssen für die Ohren der Hörer zusammengebracht werden, ohne dass ihr Klangbild in eins verschmilzt. Gilbert und seinen beiden Mitstreitern, den Komponisten Magnus Lindberg und Matthias Pintscher, ist dieses antiphonale Kunststück mit einer Selbstverständlichkeit gelungen, als hätten hier drei Dirigenten auf den Spuren der drei Tenöre lediglich ein paar selbstlaufende Hits abzuliefern und zwischen scheuem Geräusper und krachenden Schlagzeugorgien keinerlei komplizierte Strukturen nachzuzeichnen, die jede für sich schon neue Klangwelten erschließen, gemeinsam aber erst der musikalischen Entdeckungsreise so recht Richtung und Sinn geben.

          Wie in einem gigantischen Musikinstrument

          Die Schweizer Berglandschaft, die Stockhausen als rhythmisches Gewebe nachgebildet haben will, passt in die wenigsten Konzertsäle der Welt. New York aber hat dafür in der Park Avenue Armory, dem legendären Zeughaus mit seiner Exerzierhalle von geradezu kosmischer Monumentalität, einen idealen Aufführungsort. Der Bau wurde zum unverzichtbaren Mitinterpreten: akustisch, indem er das Stück in einen mystischen Hall tauchte, und atmosphärisch, indem er Musiker und Publikum zur Einheit verpuzzelte. Um einen Kreis von Zuhörern, in deren Mitte mal ein Dirigent, mal eine Instrumentengruppe auftauchte, wechselten sich Konzertpodien und steile Zuhörertribünen ab, die bis unters Hallendach hinaufstiegen. Von überall her kommt der Klang, von unten und oben, von draußen und drinnen, links und rechts, vorn und hinten: Das Publikum sitzt in der Armory wie in einem gigantischen Musikinstrument, mitschwingend, Teil der Musik.

          Nicht nur bei Stockhausen. Dessen dreigeteilte Gruppen werden von Pierre Boulez in seinem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ mit einer klangquellenmäßig achtfach gespaltenen, tief berührenden Musik noch überboten. Charles Ives dagegen begnügt sich in „The Unanswered Question“ wiederum mit drei Positionen, während Giovanni Gabrielis räumliche Blechbläserchöre aus dem Gebäude selbst hinauszuwandern schienen. Mozart nicht zu vergessen: Er benutzte drei Orchester, um eine drei sozialen Ständen zugeordnete Tanzmusik zu schreiben. Diese berühmte Schluss-Szene aus dem ersten Akt der Oper „Don Giovanni“ wurde zwischen die Stücke von Stockhausen und Boulez geschaltet, mit zwiespältigem Ergebnis. Denn für Mozarts Simultandarbietung von Menuett, Kontratanz und Deutschem Tanz war der Hall der Halle eher ungünstig. Und da auch die Handlung sich über die Unendlichkeit der Armory ausdehnte, kamen Solisten, Chor und Orchester bisweilen in unvorhergesehener Weise aus dem Takt.

          Unverzichtbar fürs New Yorker Kulturleben

          Egal. Auf ein paar Wackler kommt es bei einem derart kurzweiligen Gang durch die Musikgeschichte im Surround- Sound wohl nicht an. Das Konzert, im Programmheft identifiziert als Nummer 15389 in der Geschichte der New Yorker Philharmoniker, wirkte wie eine erfrischende Brise, so, wie sie von Chefdirigent Gilbert bei Amtsantritt versprochen worden war, wie er sie aber zu selten durch den philharmonischen Alltag wehen lässt. Möge „Philharmonic 360“ noch viele Ableger haben!

          Die Armory bewies an diesem Abend wieder, wie unverzichtbar sie fürs New Yorker Kulturleben geworden ist. In ihrer Wandlungsfähigkeit und konkurrenzlosen Dimension gibt es einfach keinen aufregenderen Spielplatz für alle nur möglichen Experimente und für Genies und Spinner, die sich vorgenommen haben, Schablonen, gleich welcher Kunst- und Denkungsart, zu durchbrechen.

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