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Neumeier in Hamburg : Ein Ballettdorf widersteht dem Zeitgeist

  • -Aktualisiert am

Er tanzt: Hamburgs Ballett-Chef John Neumeier auf der Bühne Bild: dpa

Erst vor wenigen Jahren entdeckten Dramaturgen des deutschen Tanztheaters, dass Tänzer schlechthin die Verkörperung von Richard Sennetts "flexiblem Menschen" seien - auf einem Kontinent geboren, auf einem anderen ausgebildet, auf dem dritten zum Star aufgestiegen.

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          Erst vor wenigen Jahren entdeckten Dramaturgen des deutschen Tanztheaters, dass Tänzer schlechthin die Verkörperung von Richard Sennetts „flexiblem Menschen“ seien - auf einem Kontinent geboren, auf einem anderen ausgebildet, auf dem dritten zum Star aufgestiegen. Lustig ist seitdem das Tänzerleben als Marionette der turbokapitalistischen Künstlerherumschickung. Heute packen sie ihre Koffer in Avignon aus, morgen dehnen sie die müden Glieder auf dem Bretterboden der Volksbühne, und übermorgen wartet das Publikum der Brooklyn Academy of Music auf den Moment zum Losjubeln.

          Wohin das wechselvolle Geschick die Schritte dieser begabten Kinder der Globalisierung als Nächstes lenkt, das wissen die Götter der Tanzwissenschaft. Doch, ach, ein kleines gallisches Dorf widersteht dem Zeitgeist und nennt einen Choreographen sein Eigen, dessen CO2-Bilanz nach wie vor in Ordnung ist und der sich der Lektüre modischen Schrifttums nie verdächtig gemacht hat. Hamburg heißt diese glückliche Stadt, die hier natürlich nur metaphorisch ein Ballettdorf genannt wurde, in Wahrheit aber 1973, nachdem man es mit George Balanchine und Glen Tetley nicht so hatte, einen Coup landete. Seitdem hält dort der gebürtige Amerikaner John Neumeier die Ballettstange fest in der Hand. Ähnlich lange Schaffensperioden am selben Ort haben nur der besagte Balanchine in New York und Marius Petipa in St. Petersburg vorzuweisen.

          2015 wird er wohl länger im Amt sein als sein ältester Tänzer auf der Welt

          In der Reihe dieser goldenen Ballettmetropolen steht nun die stolze Hansestadt, die den Vertrag mit ihrem Tanzmeister aus Übersee soeben bis 2015 verlängert hat. Als Fußballtrainer, Bürgermeister oder Vorstandsvorsitzender hat man es nicht so bequem in diesen Zeiten. 2015 wird John Neumeier zweiundvierzig Jahre Hamburger Ballettchef sein. Dann wird der Zeitpunkt seines Engagements länger zurückliegen als vermutlich die Geburt des ältesten Tänzers in seinem Ensemble, und er dürfte mehr Kultursenatoren überlebt haben als Petipa Zaren (fünf). Damals, 1973, machte man Neumeier noch etwas Anfangsärger, weil er fand, sechzehn altgediente Hamburger Tänzer sollten mal lieber „flexibel“ werden.

          Szene aus Neumeiers Choreographie „Daphnis und Chloe”
          Szene aus Neumeiers Choreographie „Daphnis und Chloe” : Bild: dpa

          Dieser „Stamm“, gaben Gegner der Entlassung zu bedenken, sei, „gesetzlich oder nicht, untereinander verheiratet, mit Kindern oder einem Zuhause, das zugleich Theater und Stadt ist“. Ein bisschen zu feuern hätte man Neumeier durchgehen lassen, aber das war zu viel. Nun, einen Ballettdirektor kann man nicht ein bisschen feuern. „Change!“, ruft es aus Neumeiers alter Heimat herüber. „Nee, wir man nich'!“, ruft Hamburg zurück.

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