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Neues Theaterstück von Theresia Walser : Dem Schrecken etwas entgegenschwätzen

Theresia Walser Bild: Ekko von Schwichow

Premiere in Osnabrück: Die Kriegsgroteske „Eine Stille für Frau Schirakesch“ von Theresia Walser verlagert den Afghanistan-Krieg in eine Talkshow-Hölle. Das ist so flott wie böse.

          „Wir haben noch 77 Minuten.“ Der Satz fällt mehrfach, auch in der ausführlichen Variante: „In 77 Minuten wird in Tschundakar Frau Schirakesch gesteinigt.“ Hilda spricht ihn. Aber vorerst nur zur Probe. Sie ist die Moderatorin einer Talkshow, die für Frau Schirakesch eine Schweigeminute vorbereitet - mit anschließender Diskussion. Gar nicht so einfach. Schon das passende Gesicht zu machen will geübt sein.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Und so hat Hilda Ludowsky („Man muss dem Schrecken etwas entgegensetzen“) die illustre Gästeschar erst einmal zum Vorgespräch geladen: Zwei Schönheitsköniginnen, Heidrun und Ruth, die auf dem Marktplatz von Tschundakar an einer Bikiniparade teilgenommen haben, den ausgedienten General Gert, der dort stationiert war, die Soldatin Rose, die das Kriegserlebnis fast zum Verstummen gebracht hat, und ihren Vater, Herr Fahnenberg, der sich, platzend vor Stolz auf seine Tochter, als ihr Sprecher aufspielt.

          Was Frau Schirakesch zur Last gelegt wird, bleibt klischeekonforme Spekulation, dass Tschundakar für Afghanistan steht, drängt sich auf, und dass eine Wahl zur „Miss World“ gegen islamische Proteste und mit gewalttätigen Folgen in einem Land abgehalten wird, in dem gerade eine Frau gesteinigt werden soll, hat es tatsächlich gegeben: 2002 in Nigeria.

          Szene aus „Eine Stille für Frau Schirakesch” mit (von links) Mathias Lodd, Franziska Arndt, Jennifer Lorenz und Claudia Wiedemer

          Die Talkshow als platte Form

          Aber darum geht es in dem neuen Stück von Theresia Walser gar nicht, es sind nur Eckdaten des politischen Rahmens: „Eine Stille für Frau Schirakesch“ handelt davon, wie ein solches Verbrechen von Meinungsmatadoren und Politdebattierern benutzt wird.

          Die Talkshow wird hier zur Plattform (und platten Form), sich die Wirklichkeit zurechtzulegen, auch zurechtzubürsten, der Fernsehauftritt zur Herausforderung, eine möglichst gute Figur zu machen. Indem sie die Sprache verbiegen, verbiegen sich die Diskutanten selbst. Die Probe bereitet sie darauf vor: „Man sollte schon wissen“, sagt Gert, „welche Geschichten man hier erzählt und welche lieber nicht.“ Der Zeitpunkt der Uraufführung, pünktlich vor die neu programmierte öffentlich-rechtliche Fernseh-Talkrunden-Stafette gelegt, macht das Auftragswerk des Theaters Freiburg, das als Koproduktion zuerst in Osnabrück Premiere hatte, naturgemäß zum Stück der Woche.

          Theresia Walser hat keine Kriegs-, sondern eine Sprachgroteske geschrieben, flott und böse zugleich. Indem es nicht auf die Talkshow selbst, sondern auf deren Vorstufe geht, eröffnet das Stück - ähnlich wie „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ (2006) - eine Situation, die weniger auf die Rituale des Diskurses als auf Gesprächsstrategien und -inhalte zielt. Sie werden umso hemmungsloser ausgeplappert.

          Abgeschnittenes Ohr, gepfefferte Satire

          Heidrun, die in der Schönheitskonkurrenz Zweite wurde, und Ruth, die vorzeitig ausschied, verlegen sich auf einen giftigen Zickenkrieg, Herr Fahnenberg zieht sich - denn erst dann, so die Moderatorin, sei die Runde „vollkommen“ - eine Burka über, und General Gert, der darin eine „Aufreizungserhöhung“ sieht, lässt seine „Willensmuskulatur“ spielen, indem er darlegt, wie er die Frauen in Tschundakar von ihren Qualen befreit: mit einem blauen Klohäuschen, das er auf den Marktplatz stellt, denn „diese Toilette ist ein Sieg der Menschheit über die Menschheit“.

          Am Ende zieht die verstörte Rose das abgeschnittene Ohr eines Talib heraus: „Und es ist schön. Ja, schauen Sie es einmal an: Das schönste Ohr seit langem!“ Und die gepfeffertste Satire seit langem. Denn Theresia Walser holt nicht nur weit aus, sondern trifft in ihrem virtuosen Rundumschlag auch leichthändig die ganze Bandbreite des Politpalavers zwischen Arroganz und Zynismus, Verlegenheit und Verlogenheit, Opportunismus und Ohnmacht, Selbstdarstellungsdrang und Solidaritätsgesäusel.

          Noch 77 Minuten, noch 53, 38, 21, neun, fünf. Der Countdown läuft, und die Theaterzeit scheint die Realzeit. Die Uraufführung in Osnabrück, auf der Studiobühne Emma-Theater, plaziert in der Ausstattung von Iris Kraft die Moderatorin in einem Kugelsessel und die Gäste auf einer Couch, nur die traumatisierte Rose muss zwischen Kisten am Katzentisch sitzen.

          Die Inszenierung von Annette Pullen hält die Figuren nicht lange auf ihren Plätzen. Das dichte Dialoggeschnatter lässt wenig Spiel-Raum, den aber nutzt die temporeiche Aufführung, in der das gut aufgelegte Ensemble pointenscharf die Kurve kriegt: vor der flachen Karikatur wie vor falscher Bedeutungsschwere. Schließlich sind dafür, die ganze Woche über, andere zuständig.

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