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Orchester und Corona : Volle Konzertsäle wären möglich

Epidemiologische Belastung ist gering bis moderat

Auch der Einwand, die Stellungnahmen würden das neuere Infektionsgeschehen nicht berücksichtigen, wird durch den Text selbst entkräftet: „Seit der Veröffentlichung unserer ersten Stellungnahme zum Spielbetrieb der Orchester während der Covid-19-Pandemie am 7.Mai 2020 hat sich die epidemiologische Situation bezüglich Neuerkrankungen (Inzidenz) und Anzahl der Erkrankten in der Bevölkerung (Prävalenz) stabilisiert“, heißt es zu Beginn der Empfehlungen. „Auch wenn in den letzten Wochen ein leichter Anstieg bei Neuinfektionen registriert wurde, ist die epidemiologische Belastung in Deutschland mit täglich fünfhundert bis eintausendfünfhundert gemeldeten Neuinfektionen (entspricht circa einer Infektion pro hunderttausend Einwohner) als gering bis moderat einzuschätzen. So sind zum Beispiel für über hundert Land/Stadtkreise in den letzten sieben Tagen überhaupt keine Neuinfektionen gemeldet worden (Robert Koch-Institut 2020).“

Willich erläutert am Telefon, dass die Empfehlungen für das Orchesterspiel sich auf die neuesten strömungstechnischen Untersuchungen zu Tröpfchen und Aerosolen sowie auf die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation stützen. Zusätzlich empfiehlt er Corona-Tests für alle Musiker vor Spielzeitbeginn und nach jeder Tournee.

Maske filtert bis zu 95 Prozent der Viren

„Was das Publikum angeht“, führt Willich weiter aus, „so ist vor einigen Wochen in Kanada eine zusammenfassende sogenannte Meta-Analyse zum Mund-Nasen-Schutz veröffentlicht worden, in der alle relevanten Studiendaten zu dem Thema zusammengefasst wurden. Daraus geht hervor, dass der Mund-Nasen-Schutz, die chirurgische Maske, falls korrekt getragen, den Träger und sein Gegenüber zu neunzig bis fünfundneunzig Prozent vor der Viruslast schützt. Für das, was übrig bleibt, braucht man eine gute Belüftung, gegebenenfalls sogar die sogenannten Hepa-Filter, die verbleibende Viren aus der Luft eliminieren.“

Auch der Vorwurf, hier würden unabgestimmte Handlungsrichtlinien in die Welt gesetzt, sticht nicht. „Niemand ist so blauäugig zu glauben, dass aus unseren Stellungnahmen gleich Handlungsempfehlungen werden“, sagt Willich selbst. „Unsere Argumente werden den Konzerthäusern helfen, in den Gesprächen mit Politikern zu einer weiteren Normalisierung des Spielbetriebs zu kommen. Viele Orchester haben unsere ursprünglichen Richtlinien vom Mai eins zu eins umsetzen können. So wird unsere aktualisierte Stellungnahme auch eine wichtige Argumentationshilfe bei der Anpassung der Richtlinien der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft sein.“ Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die beiden neuen Stellungnahmen ausdrücklich als wichtigen Beitrag zur Diskussion einer weiteren Öffnung des Kulturbetriebs begrüßt, denn die geltenden Abstandsregeln seien ein großer Hemmschuh für den Spielbetrieb, der sich unter diesen Bedingungen wirtschaftlich nicht darstellen lasse.

Stefan Willich plant unterdessen schon weiter: „Unser Charité-Institut startet eine große Studie, bei der wir im kommenden Winterhalbjahr zwischen Oktober und März bei vielen Profiorchestern und Chören in wöchentlichem Abstand alles erfassen, was an Infektionskrankheiten auftritt, um zu sehen, ob Streicher, Bläser, Sänger unterschiedlichen Risiken einer Covid-19-Infektion oder anderer Atemwegserkrankungen ausgesetzt sind oder nicht. Da gibt es schon jetzt eine große Kooperationsbereitschaft von zwanzig, dreißig großen Ensembles in ganz Deutschland. Man kann diese Studie auch als eine Art Monitoring im Sinne eines Frühwarnsystems verstehen.“ Dem Musikleben wird das auf lange Sicht dienlich sein.

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