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Andris Nelsons im Gewandhaus : Der neue Kapellmeister fliegt zweigleisig

  • -Aktualisiert am

Andris Nelsons Bild: AP

Andris Nelsons leitet nicht nur das Boston Symphony Orchestra, sondern ab kommender Saison auch das Leipziger Gewandhausorchester. Sein ambitioniertes Programm werden die Orchester mit ihrem Profil bezahlen.

          2 Min.

          Die Sachsen haben jetzt einen neuen Helden. Andris Nelsons heißt der neunzehnte Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Der „jüngste Gewandhauskapellmeister aller Zeiten“, jubelte der Mitteldeutsche Rundfunk. Das stimmt nicht ganz. Felix Mendelssohn Bartholdy war glatt zehn Jahre jünger gewesen, als er an dieses damals schon berühmte Dirigentenpult trat. Trotzdem steckt ein Funke Wahrheit im Überschwang. Der Altersdurchschnitt bei Chefdirigenten, im vorigen Jahrhundert stark angestiegen, legte die Vermutung nahe, dass dieser Berufsstand, ertüchtigt durch täglichen Umgang mit der Macht Musik, erst mit den Jahren zur Meisterschaft reife.

          Aber jetzt sinkt er plötzlich wieder. Im Abstand von wenigen Monaten fand ein Wachwechsel statt. Riccardo Chailly trat in Luzern das Erbe Claudio Abbados an, kurz zuvor hatte er in Mailand von Daniel Barenboim, 72, die Stabführung an der Scala übernommen. Kirill Petrenko, 43, wird in Berlin Sir Simon Rattle, 60, beerben, Nelsons, 36, folgt in Leipzig auf Chailly, 62. So schließt sich der Kreis. Freilich will Nelsons, anders als Petrenko, aber genau wie Chailly auf zwei Hochzeiten tanzen. Er wird nun vollends zum Langstreckenvielflieger. Am Vertrag mit seinem Boston Symphony Orchestra, den er erst vor kurzem bis 2022 verlängert hatte, hält er nämlich fest. Zwei Orchester parallel zu leiten, mit dem Atlantik dazwischen, das ist ja auch nicht das Problem, das haben vor Nelsons schon andere hingekriegt, beispielsweise der sechzehnte Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, wenn auch, erinnern wir uns, unter Qualitätseinbußen.

          Angel-Sachsen allerorten

          Problematisch ist etwas anderes: Es sind stets die Orchester, die den Preis für solche Doppellösungen zahlen, nie die Dirigenten. Sie zahlen mit ihrem Profil, mit Identität, mit dem unverwechselbaren Klangbild. Sie gewinnen dafür Prestige und Marktgängigkeit. Der Mahlerzyklus, den Chailly mit dem Gewandhausorchester aufgelegt hat, unterscheidet sich nur graduell von dem, den er einst mit dem Concertgebouw einspielte. Auch die Schostakowitsch-Zehnte, die Nelsons unlängst mit den Bostonern vorlegte, kontrastfroh und charismatisch, könnte ebenso gut vom Concertgebouw oder von den Leipzigern gespielt sein. Auf der Pressekonferenz in Leipzig sah sich Nelsons mit der Frage konfrontiert, wie er denn den berühmten alten, dunklen, weichen, deutschen Klang des Gewandhausorchesters ins Verhältnis setzen wolle zu dem brillanten, hellen Klangbild seiner Amerikaner. Er antwortete freundlich, aber bestimmt: Das seien Klischees, die spielten heutzutage keine Rolle mehr.

          Und damit hat er recht. Alle Spitzenorchester bieten heute vergleichbare Exzellenz. Das Klangbild ist austauschbar geworden. Und das Ideal vom deutschen Klang, resultierend aus überlieferten spieltechnischen Traditionen und Phrasierungsidealen, ist nach dem Fall der Mauer verschwunden, allenfalls taucht es noch auf als Propagandaphantom. Nelsons kündigte nun an, etwas dafür zu tun, dass die Musikwelt noch näher zusammenrückt. Das Bostoner und das Leipziger Orchester sollen unter seiner Leitung einen Musikeraustausch beginnen und projektweise kooperieren. Fünfzig Konzerte werde er selbst künftig pro Spielzeit mit den Gewandhausmusikern erarbeiten, die Hälfte davon unterwegs, auf Tournee. Leipzig solle regelmäßig „Boston“-Wochen erleben, Boston „Leipzig“-Wochen“. Angel-Sachsen überall.

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