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Neuer Geist an der „Met“ : Männer, die mit Stäben steuern

  • -Aktualisiert am

Das Non plus Ultra der Verfeinerung: Sir Simon Rattle dirigiert das Orchester der Metropolitan Opera Bild: dapd

Jahrzehntelang hieß es von der Metropolitan Opera in New York, sie verpflichte zu selten Dirigenten von Weltrang. Das hat sich in der laufenden Saison geändert. Simon Rattle sorgte in seinem Met-Debüt für das Ereignis des Jahres.

          Vor genau hundert Jahren erschien zur ersten Uraufführung, an die sich die damals schon von Weltruhm beglänzte Metropolitan Opera wagte, ein Teil des Publikums in Cowboyhüten und Fransenjacken. Der Komponist der neuen Oper hieß zwar Giacomo Puccini, aber ihre Handlung spielte in Amerikas mythischem Westen, wo Minnie, bibellesendes Flintenweib und keusche Kneipenwirtin, ihr Herz dem im Grunde doch tugendhaften Verbrecher Ramerrez alias Dick Johnson schenkte und beide, ungeachtet beträchtlicher Ungereimtheiten glücklich vereint, nach guter, alter Westernheldenart in den Sonnenuntergang ritten.

          Ausgedacht hatte sich die Geschichte David Belasco, seinerzeit Hitlieferant am Broadway, der mit atemraubenden szenischen Illusionen die Leute verzückte. In „The Girl of the Golden West“, seinem Stück, das Puccini so gut gefiel, dass er es in Musik setzen musste, verrät sich der angeschossene Ramerrez dadurch, dass aus dem Gebälk, in dem er sich versteckt, sein Blut auf die Jacke des Sheriffs tropft. Und mit jenem kaltblütigen Gesetzeshüter beginnt Minnie dann ein Pokerspiel, bei dem sie auch ein bisschen schummeln muss, um den Geliebten zu retten.

          Die Uraufführung, dirigiert von Arturo Toscanini und in den beiden Hauptrollen besetzt mit den bald unsterblichen Superstars Emmy Destinn und Enrico Caruso, wurde zum rauschenden Erfolg. Das war ein Segen auch für Puccini, der mit seiner vorhergehenden Oper „Madama Butterfly“, ebenfalls nach einem Theaterstück des großen Belasco, einen schlimmen Reinfall erlebt hatte. Später kam dann „La Fanciulla del West“ nicht mehr so gut an, jedenfalls weniger gut als Puccinis echte Opernknüller. Woran das bis heute liegt, ist unschwer auszumachen. Den amerikanischen Urmythos in Italianità zu kleiden ist als Einfall ja noch ganz apart. Die Zurückhaltung der Fans geht eher darauf zurück, dass Puccini ihnen statt Puccini viel Debussy vorsetzt. Exquisit harmonisierte, pastellig schimmernde Klänge sind ihm wichtiger als Arienohrwürmer, und Nicola Luisotti, der jetzt in der Met am Pult stand, verstärkte diese Tendenzen, indem er auch den knalligen Momenten nicht erlaubte, das Klangfarbenfest aus der Balance zu bringen.

          Levines Arbeit am Klangkörper

          Für soviel Orchesterluxus war der Zuhörer dankbar, der seine Mühe hatte, in Deborah Voigt und Marcello Giordani die würdigen Nachfolger einer Destinn und eines Caruso zu vernehmen. Die Voigt hat inzwischen bis auf ein paar robuste Spitzentöne nicht mehr viel Wohlklang zu bieten, und Giordani empfahl sich vor allem als tenoraler Kraftsportler. Giancarlo del Monaco war eingeflogen worden, um seine zwanzig Jahre alte Inszenierung zu entstauben, eine routinierte Produktion, die gewiss auch das Uraufführungspublikum nicht überfordert hätte. Als positiver Bilanzposten der Jahrhundert-„Fanciulla“ wäre damit allein das Orchester zu verbuchen. Was vielleicht etwas kurios ist, aber an der Met nicht mehr überraschend. An vielen, wenn nicht den meisten Abenden überstrahlen die Musiker im Graben die sängerischen ebenso wie die szenischen Angebote. In der sonst Stimmgöttern und -göttinnen huldigenden Met ist die Entwicklung um so erstaunlicher, als bei den Live-Übertragungen, mit denen sie nun in Kinos weltweit ihren Ruf vermarktet, der akustische Eindruck sicher am unwichtigsten ist. Die Großleinwand verlangt nach adretten Sängerdarstellern und visuellen Bühnenreizen. Das Orchester ist für den Soundtrack zuständig.

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