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Neuenfels inszeniert Mozarts „Idomeneo“ : Der Musik auf den Fersen

  • -Aktualisiert am

Noch nicht kopflos: Buddha, Mohammed, Neptun und Jesus in der Deutschen Oper Bild: dpa

Höllenlachen aus den Lautsprechern, Buh-Geschrei aus dem Auditorium: Hans Neuenfels inszeniert Mozarts „Idomeneo“ als sparsam mit Symbolik möbliertes Kammerspiel. Und empört sein Publikum nach dem Schlußakkord.

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          Alles wurde gut. Aber dann, als der letzte Nachhall des den totalen Seelenfrieden ausrufenden Schlußchors aus Mozarts Seriaoper „Idomeneo“ zerstoben war, kriegte er seine Pappenheimer doch noch einmal wieder am Kanthaken. Hans Neuenfels, mild geworden, hatte seine definitiv letzte Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin als ein sparsam mit Symbolik möbliertes Kammerspiel aufgebaut.

          Die letzte werde es sein, weil, wie er vorab erklärte, die Machtübernahme durch Ioan Holender sein weiteres Arbeiten am Hause verunmögliche. Nun vermischten allerdings die Neuenfelsischen Symbolfingerzeige - Minitempel, Maxistampfmaschine, Mumien, Faune, Schatten, Kinder - allerhand Idiome aus Barock, Aufklärung und Antike auf eine ästhetisch so ansprechende Weise, daß Herr Holender kaum Anstoß genommen hätte. Ja, selbst das sonst leicht pikierbare Berliner Premierenpublikum schien dem Szenenapplaus zufolge ausnahmsweise zufrieden mit dem Regisseur.

          Fein gefeiltes Vokabular der Gesten, Blicke und Zeichen

          Da geschah es. Idomeneo, König von Kreta, kehrte noch einmal zurück auf die leere Bühne und packte salomémäßig blutige Plastikköpfe aus: Buddha, Neptun, Mohammed - alle alten Götter kurzerhand geschlachtet! Sogar Jesus, der gerade eben noch im Bettuch über die Bühne gewallt war, ein Kopf kürzer! Scheppernd tönt Höllenlachen aus den Lautsprechern. Wütend schallt das Buh-Geschrei aus dem Auditorium zurück: Gottlob, es gibt Krawall, die Oper lebt, alles beim alten.

          Daß Gott tot sei und das bürgerliche Subjekt sich selbst Gott genug, bleibt eine Botschaft, die sich aus der Handlung der Seria-Oper „Idomeno“ nur plan undialektisch erschließen läßt. Letzten Endes wurde „der liebe Gott erst im Zeitalter des beginnenden Atheismus erfunden, der liebe Fürst unterwegs zur Französischen Revolution“, schrieb Ivan Nagel. Und erkannte den konventionellen Deus-ex-machina-Trick am Schluß des „Idomeneo“ für unglaubwürdig - um so glaubwürdiger dagegen die komplizierte Gefühlswelt der Menschenfiguren in diesem Stück. Es sind keine Seria-Schablonen, vielmehr vom Widerstreit ihrer Emotionen getriebene, tief ineinander verstrickte, an Schuld, Angst, Mißtrauen, Konvention, Leidenschaft, Anspruch und Fehlleistung gefesselte Bürgersleut' wie nur je ein Vater und sein Sohn.

          Die harmonischen Kühnheiten, die genialen melodischen Eingebungen, mit denen Mozart diese Figuren ausstattete, hat, jedenfalls in dieser Ballung, selbst in anderen großen Mozartopern kein Beispiel. Und die Neuenfelsische Personenführung, sein fein gefeiltes Vokabular der Gesten, Blicke und Zeichen folgte der Musik so dicht auf den Fersen durch ihr Labyrinth schnell wechselnder Affekte, daß es die reine Wonne war und höchste Spannung erzeugte beim schieren Zuschauen. Geschmälert nur durch einige Fehlgriffe bei der Sängerbesetzung.

          Zu wenig Sangeskunst, zu viel Karneval

          Michaela Kaune sang die Partie der lieblichen Trojanerprinzessin Ilia, die sich für den Liebsten, Sohn ihres ärgsten Feindes, aufopfern will, mit hörbarer Anstrengung. Francesca Provvisionato fehlte für die Rolle des tapferen Kreterprinzen Idamante vor allem die Durchschlagskraft in tieferen Lagen. Der Tenor Charles Workman als König Idomeneo, der seine Haut auf Kosten anderer retten will, blieb blaß und wie gedrosselt selbst in höchster Verzweiflung. Und Krassimira Stoyanova bot für die eifersüchtige Artridentochter Elektra einige Beweglichkeit, aber kein volles Timbre auf.

          Sie alle agierten überzeugend, sangen nur mittelmäßig und mußten vor allem bei den für den Gefühlsstrom nicht unerheblichen Koloraturen mehr oder minder sämtlich mogeln. Dabei wurden sie vom Orchester der Deutschen Oper, das unter Leitung von Lothar Zagrosek eine bewundernswürdige Klangfülle und gläserne Durchsichtigkeit erreichte, perfekt gehoben und getragen und auch vom Chor, dem vielbeschäftigten, hervorragend akkompagniert.

          Wenn der auftrat, wurde aus der Seria, die von Ausstatter Reinhard von der Thannen in schwarze Anzüge gesteckt und in ein tristes, altes Kinofoyer verlegt worden war, vorübergehend eine Buffa. Die Chorleute erschienen nämlich in kinderbuchreifen, bonbonbunten Gummireifröcken und -fräcken. Überhaupt war das Aufgebot an karnevalesken Kostümen bei den Nebenfiguren beträchtlich. Einmal vollführte Neptun, grün wie ein Grashüpfer, einen gelungenen Flick-Flack rückwärts. Statisten wie Jesus, Buddha oder Mohammed taten nichts. Sie nützten auch nichts, bis kurz nach Schluß.

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